Kultur : Im Auge des Wirbelsturms

Wassily Kandinskys Hauptwerk „Komposition VII“ strahlt in der Wiener Ausstellung „Der Klang der Farbe“

Bernhard Schulz

Jahrzehnte lang blieben die ganz großen Gemälde Wassily Kandinskys, die er selbst „Kompositionen“ nannte, im Depot. Erst mit der Rehabilitation der Avantgarde im postsowjetischen Russland durften die beiden bedeutendsten Bilder, die Kandinsky gemalt und bei seinem erzwungenen Wegzug aus Deutschland 1914 ins heimatliche Russland mitgenommen hatte, an die Wände der Museen zurückkehren: „Komposition VI“ in der Petersburger Eremitage und „Komposition VII“ – sein größtes Format überhaupt – in der Moskauer Tretjakow-Galerie.

1989, mitten in der Perestrojka-Zeit, war in Moskau die erste russische Retrospektive zu Kandinskys Œuvre zu sehen; der Frankfurter Schirn Kunsthalle gelang es, sie in den Westen zu holen – wobei die beiden Hauptwerke aber doch zurückbehalten wurden.

Geld spielt im Leihverkehr mit den chronisch unterfinanzierten russischen Museen bis heute eine erhebliche Rolle. Wenn jetzt das Wiener BaCa-Kunstforum die seit 1989 wohl bedeutendste Kandinsky-Ausstellung präsentiert, so kann man über die eingesetzten Mittel des österreichischen Bankhauses nur mutmaßen. Sie dürften erheblich gewesen sein – denn nicht nur die „Komposition VII“ gastiert an der Donau, sondern mit ihr eine Fülle von Arbeiten aus russischen Museen, dazu zur Abrundung einige wichtige Werke aus westlichen Museen. Bemerkenswert ist, dass es gelang, die stets rivalisierenden Museen in St.Petersburg und Moskau zu gemeinsamer Ausleihe zu bewegen.

In Wien lautet der Untertitel „Der Klang der Farbe 1900–1921“, wobei man die Zeitangabe getrost auf die Spanne zwischen 1909 und 1921 einschränken kann. Was davor liegt, sind des Spätentwicklers Kandinsky Fingerübungen in München und Murnau.

1866 geboren und promovierter Jurist, aber von der Neigung her Musiker, entschied sich Kandinsky – nach eigenen Angaben unter dem Eindruck von Monets berühmten Gemälde „Heuhaufen“ – 1897 für die Malerei. In der bayerischen Kunstmetropole fand er nur allmählich zur eigenen künstlerischen Handschrift. Doch dann überschlugen sich mit einem Mal die Ereignisse. Die Wiener Ausstellung rafft die stürmische Entwicklung und konfrontiert den Besucher mit den unglaublich form- und farbsicheren „Improvisationen“ und schließlich „Kompositionen“, die Kandinsky ab 1909 schuf.

Schönbergs Anstoß

1911 wühlt ihn ein Schönberg-Konzert auf – die dem Komponisten mit anrührendem Respekt gewidmete Ausgabe seiner Grafikmappe von 1909 ist als Leihgabe des Wiener Schönberg-Centers zu sehen. Noch im selben Jahr erklärt Kandinsky seinen Standort in der Schrift „Über das Geistige in der Kunst“. „Gegensätze und Widersprüche – das ist unsere Harmonie“, dieser viel zitierte Kernsatz seiner Programmschrift wird in der Wiener Ausstellung aufs Schönste veranschaulicht.

Ihr Zentrum bildet denn auch die 1913 innerhalb von nur vier Tagen ausgeführte „Komposition VII“. Ausgeführt, nicht entstanden – diese Unterscheidung ist wichtig. Denn das zwei mal drei Meter messende Gemälde wuchs zwar auf der Leinwand in solch kurzer Zeit heran, wie die – gleichfalls gezeigten – Fotografien der Lebensgefährtin Gabriele Münter eindrucksvoll dokumentieren. Aber Kandinsky stand das fertige Bild längst vor dem geistigen Auge.

Über 30 Ölskizzen und Vorzeichnungen sind bekannt. Die Leinwand selbst bedeckte der Maler mit Strichen, die Lage und Verlauf der einzelnen Elemente, der Linien und Flächen festlegen. Sodann arbeitete er kreisförmig vom Mittelpunkt der Komposition aus, einer schwarzen Form links unterhalb der Bildmitte. Sie ist dem Auge eines Wirbelsturms ähnlich – und bildet damit eine Brücke zu Kandinskys künstlerischer Theorie. Er schrieb 1913, im so ungemein fruchtbaren Entstehungsjahr des Gemäldes: „Jedes Werk entsteht technisch so, wie der Kosmos entstand – durch Katastrophen, die aus dem chaotischen Gebrüll der Instrumente zum Schluss eine Symphonie bilden, die Sphärenmusik heißt.“ Und, nahezu anmaßend: „Werkschöpfung ist Weltschöpfung.“

In Russland konnte Kandinsky zunächst weiterarbeiten, ehe ihn die Revolution in die Politik trug. Er übernahm Aufgaben im Kommissariat für Volksbildung und leitete die Reorganisation des Museumswesens. 1918 wurde das Eigentum des einer Moskauer Kaufmannsfamilie entstammenden Malers beschlagnahmt; zahlreiche Gemälde gelangten in die beiden wichtigsten Museen im damaligen Petrograd sowie in Moskau, aber auch in die Provinz.

Eine jüngere Generation lehnte Kandinskys Festhalten an der herkömmlichen Ausbildung ab. Sie drängte im jungen Sowjetrussland zur Ausrichtung der Kunst aufs Konstruktive oder gleich auf die Erfordernisse der Produktion So ist es eine Ironie der Geschichte, dass Kandinsky, nachdem er die Leitung des Moskauer Lehr-„Instituts für künstlerische Kultur“ Ende 1920 hatte abgeben müssen, im folgenden Jahr die Einladung von Walter Gropius ans neu geschaffene Weimarer Bauhaus annahm, das die tradierte Beschränkung als Kunstschule hinter sich ließ.

Revolution der Kunst

So gut wie nichts von den Zeitumständen ist in Kandinskys Bildern zu sehen. In Moskau kehrte er in einigen, allerdings bedeutenden Bildern zu einer gegenständlichen Sprache zurück, so in dem grandiosen Kleinformat „Der Rote Platz“ von 1916. Gegen 1919 verdüstert sich seine Palette. Die Formen werden reduziert und geklärt. Doch all das sind künstlerische Entwicklungen, die der von Kandinsky stets beschworenen „inneren Notwendigkeit“ folgen.

Selten gab es einen Künstler, der so unbeirrt von äußeren Einflüssen seinen eigenen Weg ging. Er benötigte keine Revolution. Er revolutionierte stattdessen die Kunst.

Wien, BaCa-Kunstforum, bis 18. Juli. Katalog 29 €. – Weiteres: www.kunstforum-wien.at

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