Kultur : Im Bann der Banner

Woher kommt das Hissen und Küssen, Hassen und Lieben der nationalen Fahne? Eine kleine Sozialanthropologie

Caroline Fetscher

Stille. Unser Globus ist zusammengeschnurrt auf einen Lederball, das Leben reduziert auf Stadien und Bildschirme. Ansonsten Sonne, leere Straßenzüge und Hinterhöfe, nur ab und zu ein ferner Tor-Chor. Wer nämlich das Drama um das rollende Ding nicht verfolgt, der erhält in den Stunden solcher Kickstille eine Ahnung vom ewigen Weltfrieden, wie ihn sich nicht einmal Kant hätte erträumen konnte. Nur eins ist unmöglich: Fahnenflucht. Wir entkommen den Fahnen nicht, sie flattern, winken und knattern überall, signalisieren Hoffnung auf Triumphe, markieren kollektive Loyalitäten in einem Spiel mit Farben und Symbolen, dem es ums Siegen geht – denn da draußen tobt ja immerhin „der Kampf auf dem Platz“.

Auf den Balkonen wehen die Flaggen, T-Shirts leuchten in nationalen Farben, an den Bahnhöfen tummeln sich nationalbemalte Gesichter, Länderwimpelketten schmücken die Wände von Kneipen, im Schwimmbad nicken Fähnchen aus den Blumenkübeln, Fahnen ragen rechts und links zum Autofenster heraus wie altmodische Blinker, auf dem Markt wickeln die Blumenhändler Pfingstrosen in Nationalfarbenpapier. Neben der deutschen Flagge wehen andere im Wind, die der Brasilianer, die zeichenreiche der Koreaner, die edel minimalistische der Japaner. Wir sind im Bann der Banner. Es ist, als haben höhere Wesen befohlen: Ihr sollt alle Flagge zeigen!

Das geschieht gleichwohl ganz aus freien Stücken und ist faszinierend, denn: Was heißt eigentlich dieses Stück Tuch, das gehisst oder geküsst wird, das zu tragen ein Privileg, den Boden berühren zu lassen, ein Sakrileg bedeuten kann? Warum wurden für die Wochen des rollenden Fußballs tausende Meilen neutraler Textilien und papierner Bögen mit nationaler Symbolik bedruckt? Am konkretesten kennen sich die Vexillologen aus, Historiker und Ikonografen der Fahnen, weltweit organisiert in akribisch arbeitenden Clubs (www.crwflags.com/fotw/flags). „Vexillum“ bezeichnete ein römisches Feldzeichen aus Stoff, befestigt an einer Tragestange. Die „International Federation of Vexillological Associations“, FIAV, gegründet 1967 – die Fifa übrigens im Mai 1904 –, hält alle zwei Jahre einen Kongress ab, zuletzt in Buenos Aires, wo eifrige Forscher die Evolution von Flaggen debattieren wie Ornithologen die von Vogelgattungen.

Flaggenkataloge versprechen Profanes: „Material: Polyester, Größe: circa 150 x 90 Zentimeter, an der kurzen Seite mit stabilen Metallösen versehen, rundum doppelt umsäumt. Wind-, wetter- und lichtfest, weht aufgrund des Materials bereits bei leichter Brise, lässt sich bei 30 Grad in der Maschine waschen.“ Doch Nationalflaggen sind alles andere als Spielsachen, sondern „Hoheitszeichen eines Staates“. Farben, Emblematik und Symbolik werden in der Verfassung festgeschrieben, die so gestalteten Stoffstücke wehen vom Dach der Regierungsgebäude, lagern auf den Särgen von Nationalhelden, stehen auf Halbmast und können den Rang säkularer Heiligtümer erreichen, wenn sie enorme emotionale Besetzung erfahren, bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften, Kriegen oder Konflikten. Demonstranten verwenden die Flagge fetischistisch als Synekdoche für eine feindliche Nation, wenn sie, etwa im Mittleren Osten, amerikanische Flaggen verkokeln oder zerreißen. Aberglaube und Tabus können sich an die Nationalfahne heften – in Kenia zum Beispiel darf sie angeblich nicht einmal fotografiert werden. In Südkorea hat die Nationalfahne Autorität, und südkoreanische Gaststudenten in den USA bestaunen die Unbekümmertheit, mit der sich gewöhnliche Bürger anmaßen, eine Miniaturflagge auf ihren Schreibtisch zu stellen. Zugleich aber ist in den USA der flag desecration act zur Frage der Entweihung des Nationalbanners gern Gegenstand ausufernder Gerichtsverfahren.

Hier und heute begegnet uns vor allem Schwarz-Rot-Gold, eine Kombination, über deren Herkunft sich die Vexillologen nicht ganz einig sind. Das heutige Nationaldesign hatte die Bundesrepublik am 7. September 1949 übernommen, seine Farben gehen vermutlich auf ein im Februar 1813 gebildetes Freikorps zurück, das Lützowsche, das gegen Napoleon antrat, eine relativ erfolglose Schar nichtpreußischer Freiwilliger in schwarzer Uniform mit roten Aufschlägen und goldenen Knöpfen. Ehemalige Korpsleute trugen später in Jena als Burschenschaftler ihre alten Waffenröcke, deren Farben 1816 zu einem Polychrom gerannen, das sich von der Studentenbewegung auf ganz Deutschland ausdehnte. Republikanische Gruppen bekundeten damit ihren Widerstand gegen deutsche Kleinstaaterei und Monarchie. Beim Hambacher Fest 1832 flatterte das Protestbanner über den Köpfen der Feiernden. Möglich sei auch, argumentieren vexillologische Abweichler, dass die Flaggenfarben auf das Wappen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zurückgingen, den schwarzen Adler „mit roter Bewehrung“, der vor Goldgrund die Flügel spritzte. Ergrimmt verbot Preußens König 1850 das gesamtdeutsche Symbol, Norddeutscher Bund und Deutsches Reich verwendeten fortan eine schwarz-weiß-rote Flagge. Erst die Weimarer Republik besann sich wieder auf Schwarz-Rot-Gold, bis die Nationalsozialisten es im März 1933 erneut abschafften.

Flaggen stehen für nationale Konstrukte und deren genealogische oder politische Narrative, besonders reizvoll etwa das brasilianische. 1889, nach dem Ausrufen der Republik, ersetzte man das kaiserliche Wappen der Flagge durch eine himmelblaue, bestirnte Kugel, davor die Worte „ordem e progresso“, Ordnung und Fortschritt. Die Sternenkonstellation spiegelt den Himmel über Rio de Janeiro am 15. November 1889, Grün steht für die reiche Vegetation des Landes, Gelb für Bodenschätze wie Gold. Nationalflaggen zitieren „Nation“, als solche geraten sie jetzt in unser Straßenbild, selbst wenn die Fans kaum von diesen Geschichten wissen. Ihnen genügt die Abkürzung: Nationalteams spielen gegen Nationalteams, jede Mannschaft kickt unter einer Flagge, die eine Nation repräsentiert, die ihrerseits mikrokosmisch durch die Mannschaft dargestellt wird.

Sieg und stolzes Flaggenschwenken oder Verlieren und kleinlautes Einrollen der Flagge gehören zum Ritual, im ärgsten Fall auch Attacken auf die Flagge der „anderen“ und tätliche Angriffe auf diese. Im besten Fall feiert man den Fußballsieg transnational und schwenkt auch die Flagge der anderen, weil man sie anerkennt, weil beim Identifizieren mit dem Besseren mehr zu gewinnen ist als im Groll. Während der „Kampf auf dem Platz tobt“, als zivilisierter Ersatz für das kriegerische Rivalisieren zwischen Nationen, erweist sich das Szenario als ein Zwitter: eine national aufgeheizte ebenso wie eine postnationale waffenlose Massenpsychose, ein Spiel, das grenzüberschreitend wirken kann – wie das Aufscheinen einer Utopie.

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