Kultur : Im Bauch der Bilder

Wie aktuell ist Michel Majerus? Die Galerie Neugerriemschneider spürt dem Zeitgeist nach

Jens Hinrichsen

Das Geschoss fällt erst gar nicht auf. Eine hellgraue Luft-Boden-Rakete hat sich vom Gewimmel der Pinselgestängegewächse und Farbgüsse, der Schmuseherzen und träumenden Aquarienfische gelöst, und man weiß nicht genau: Fällt die Bombe? Bleibt sie wie angenagelt am bunten Süßwarenhimmel stehen? Das quadratische Großgemälde „Hell-Copter“ ist 2000 entstanden, kurz nach der Markteinführung des gleichnamigen Computerspiels. Ein lässig gemaltes Bild mit ausgedehnten Weißflächen zwischen den taumelnden Schrift- und Bildzeichen – und ein typisches Beispiel für Michel Majerus, der sich nie mit Detailpinselei aufhielt, sondern Totalitäten im Blick hatte. Pop und Tod, Rausch und Ernst, Moment und Memento waren in seinem Werk kaum als Widersprüche wahrnehmbar.

„Ein Mensch aller Gegensätze und einer, der die Gegensätze in seiner Kunst aufheben konnte“, so beschreibt der Galerist Tim Neuger den Maler, der am 6. November 2002 nur 33-jährig bei einem Flugzeugabsturz starb. Neben der Variationsfülle seiner Malerei verblüfft noch posthum die Produktivität des Luxemburgers, den der Kritiker Harald Fricke bewundernd eine „Bildermaschine“ nannte. In der Galerie Neugerriemschneider hängen nun mehrere mittlere Formate und vier große Arbeiten (10 000-200 000 Euro). Laut Nachlass – verwaltet von der Galerie, der Majerus seinen frühen Ruhm mit verdankte – sollen solche Werke jedoch nur an öffentliche Sammlungen und Museen veräußert werden.

„Lost Forever“ ist die achte Majerus-Einzelausstellung bei Neugerriemschneider. Der Titel stammt von einer nach 13 Jahren erstmals wieder gezeigten Arbeit, die ein fragmentarisch aus Lettern und Logos aufgebautes Leinwandbild mit einem Schriftblock an der Wand kombiniert. Wie bei seinem berühmt-banalen Textfries „What looks good today may not look good tomorrow“, der eher durch die Optik seiner vielen „Nullen“ bestach als mit grüblerischer Gedankentiefe, lag Majerus im Umgang mit Sprache auf einer Linie mit dem Schriftsteller Rainald Goetz, dessen Internet-Tagebuch „Abfall für alle“ er schätzte.

Majerus für alle? Erschwingliche Arbeiten, die der Künstler 1995 schuf, sind parallel in der Galerie Max Hetzler zu sehen. Die Pastellzeichnungen (je 5100 Euro) werden erstmals gezeigt und fügen sich nahtlos in die Riege der 30 Künstler der Gruppenschau „Access All Areas“ ein. Dan Attoe, Katharina Grosse, Chloe Piene oder Bernd Ribbeck stellen die Vitalität und Vielfalt des Mediums Zeichnung unter Beweis. Die flüchtigen, wiederum mit Alltags- und Hochkunstzitaten jonglierenden Pastelle von Majerus zeigen, dass er die konzentrierte Fläche so beherrschte wie den ausgedehnten Raum.

Erstaunlich, welche Fülle an Zeichen Majerus in friedliche Koexistenz zu zwingen vermochte – ohne dass die Zitatlust gezwungen wirkt. Sein Gesamtwerk bietet ein riesiges Archiv der Kunst- und Popkulturgeschichte. Bei Neugerriemschneider treffen im großformatigen „Ölbild“ (1994) außerirdische Comic-Saurier mit Fix, Foxi, Lupo und einem abstrakten Frank-Stella-Zitat zusammen. In den Mixed-Media-Arbeiten „Tron“ (1999) und „Identical Twins II“ schließen sich Fantasyfiguren mit dem Betrachter kurz, der sich in integrierten Spiegelelementen reflektiert – wie bei Michelangelo Pistoletto. Die Zwillingsarbeit – ihr Doppelgänger wird zurzeit im Kunstmuseum Bonn ausgestellt – ist eine aus Teilen zusammengefügte Assemblage. „Das zu montieren dauert schon einen Tag“, erzählt Susanne Küper, die für den Nachlass verantwortlich ist und seit Jahren an einem Majerus-Werkverzeichnis arbeitet. Ein komplizierter Job. Das Werk der bewegten Neunzigerjahre ist lückenhaft dokumentiert, denn die Galerie war selbst noch im Aufbau, und Majerus gehörte sozusagen zur Gründergeneration bei Neugerriemschneider. Ein Jahr lang hat man an der Rekonstruktion der gigantischen Skater-Halfpipe getüftelt, die Ende 2000 im Kölnischen Kunstverein als raumgreifende Rampe und Bildträger zugleich Premiere hatte. Jetzt ist die Arbeit, die eine Galerieausstellung sprengen würde, komplett mit Skizzen und Farbproben dokumentiert und in einer Box verstaut. Sie kann – an eine Kunstinstitution freilich – ausgeliehen oder verkauft werden.

„300 Detailfotos zeigten uns, wie unendlich präzise Michel mit Texten, Bildern und Überschneidungen gearbeitet hat“, erklärt Susanne Küper. Sie schätzt, dass Majerus, wäre er nicht ums Leben gekommen, seinen Bildbegriff noch weit radikaler in den Realraum überführt hätte. Einen Vorgeschmack auf das, was hätte kommen können, gab der Künstler den Berlinern zwei Monate vor seinem Tod mit einer Bildplane, die das Brandenburger Tor verhängte. Statt muntere Pausenzeichen für die Restaurierungsphase des Monuments zu liefern, verwandelte er es per „Tarnkappe“ in einen Schöneberger Sozialwohnungskomplex. Für einige Tage wich Preußens Pracht einem hellsichtigen Mahnmal der gescheiterten Moderne.

What looks good today … Das Neueste von gestern kann heute alt aussehen. Majerus hat gewusst, dass sein eigenes Werk diesem Problem nicht unbedingt entkommen würde. Aber für die Arbeiten selbst, die bei Neugerriemschneider zu sehen sind, gilt das am wenigsten. In ihrer Offenheit und schlafwandlerischen Lässigkeit wirken sie erstaunlich frisch. Dass die Hängung museal wirkt, streng, fast feierlich, liegt in der Natur einer Präsentation, die vom Künstler nicht mehr mitgestaltet werden kann. „Er war ein Meister des Raums“, schwärmt und klagt Tim Neuger, der 1998 mit seinem Kompagnon Burkhard Riemschneider von Charlottenburg in eine ehemalige Fabrikremise zwischen Linien- und Auguststraße zog. „Ich habe niemanden kennengelernt, der Räume so begriffen hat wie Michel Majerus“, sagt Neuger. „Mir hat er die eigene Galerie erklärt."

Galerie Neugerriemschneider, Linienstr. 155, 10115 Berlin; Di-Sa 11-18 Uhr / Galerie Max Hetzler, Oudenarder Str. 16-20; Di-Sa 11-18 Uhr (beide bis 6.11.).

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