IM-Bekenntnis : Ich, die Stasiratte

Jana Döhring hat ein entlarvendes Buch über ihr Leben als IM „Cornelia Astrid“ im Schnüffelsystem der DDR geschrieben.

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IM „Cornelia Astrid“ hat ein Buch geschrieben. Über IM „Cornelia Astrid“. Damit ist das bemerkenswerteste und, wenn man so will, positivste über die 229 Seiten schon gesagt. Denn in der Aufarbeitungsliteratur, die inzwischen ganze Bibliotheken füllt, ist das ein eher seltenes, wenn nicht gar singuläres Vorkommnis. Dass jemand sagt: Ich habe es getan. Und zu beschreiben versucht, warum er es getan hat, wie er es getan hat, was ihn dabei bewegt hat. Literatur, die verständlich machen will und soll, wie das damals war in der DDR, wie Macht und Gleichschaltung funktionierten, wie Repression und Anpassung das Leben bestimmten, gibt es reichlich: wissenschaftliche Abhandlungen, Erfahrungsberichte aus der Opferperspektive, Alltagserinnerungen. Hinzu kommen ein paar Bücher einstiger Stasi-Obristen, die ihren Job nachträglich zu rechtfertigen versuchen gegen einen angeblichen Mainstream der „Geschichtsklitterung“. Inoffizielle Mitarbeiter hingegen treten, wenn überhaupt, nur mit Abwehrreaktionen an die Öffentlichkeit: abstreiten, verharmlosen, sich verschanzen.

Jana Döhring ist heute Anfang 50, lebt mit Mann und Kind in Köln. Ihr Leben ist, wie das von so vielen „gelernten“ Ostdeutschen, mit der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung in zwei Hälften geteilt worden, die so gut wie nichts miteinander zu tun haben. Für Döhring galt das bis 2005, als sie unerwartet Post bekam. Von einem ehemaligen Arbeitskollegen, der mehr war als das: Er war damals für die junge, im Ostberliner Vorzeige-„Spreehotel“ startende Hotelfachangestelle eine Art Mentor, Vertrauter und Freund. In seiner Stasi-Akte ist er auf sechs inoffizielle Stasi-Mitarbeiter gestoßen, die Berichte über ihn geschrieben haben. Eine von ihnen war IM „Cornelia Astrid“. All das teilt er ihr auf einer Karte mit, deren Vorderseite eine DDR-Fahne ziert. Fortan erhält sie jeden Monat eine solche Karte.

Jana Döhring hatte diesen Teil ihrer Vergangenheit längst verdrängt. Gleichwohl werden die mit quälender Regelmäßigkeit eintreffenden Signale aus der untergegangenen Welt zu einem erheblichen Störfaktor in ihrem neuen Leben. In dem Buch verschränkt die Autorin zwei Ebenen: zum einen die Erinnerungen an ihre IM-Vergangenheit und zum anderen ihre Befindlichkeiten von heute angesichts der Konfrontation mit dem damaligen Geschehen. Wer sein Buch „Die Stasiratte“ nennt, ist entweder zu brutalstmöglicher Selbstentblößung bereit oder ringt angesichts des verbalen Frontalangriffs der gegnerischen Seite um Zuneigung beim Leser, nach dem Motto: So schlimm war es ja nun auch wieder nicht.

In der DDR-Nobelhotellerie galten andere Maßstäbe als in normalen Betrieben. Da ging Westgeld über die Tische, der Schwarzhandel blühte, die Angestellten gaben ihre üppigen Trinkgelder nach Dienstschluss in den umliegenden Bars und Diskotheken bündelweise aus. Jana Döhring hat sich schnell in der Schattenwirtschaft eingelebt. Beziehungen sind alles und Vitamin B ermöglicht ein vitales Leben. Ihr Freund Paul hat sich längst vom tristen DDR-Werktätigendasein verabschiedet und die Unter-der-Hand-Umverteilung in der Mangelwirtschaft als einträglichen Geschäftszweig entdeckt.

In dieser Situation will es der Zufall, dass die Staatssicherheit auf die aufstrebende junge Frau aufmerksam wird, die den ermüdenden Dienst im Bankettsaal inzwischen mit dem reizvollen Job in der „Kristall“-Bar des Hauses getauscht hat. Das Angebot zur Mitarbeit wägt sie ab: Angesichts des nicht so ganz systemkonformen Lebenswandels, den sie und ihr Freund führen, könnte sie Einblicke kriegen, was „die“ so wissen, glaubt sie. Und: „Die“ könnten ihr in der einen oder anderen Situation sicherlich auch nützlich sein, schließlich läuft ohne die Stasi kaum etwas im Land. Bei den Treffs im hoteleigenen Büro des Stasi-Mannes Gerber und in der konspirativen Wohnung an der Prenzlauer Allee mit ihrem Führungsoffizier Micha geht es bald längst nicht mehr nur um das Aufspüren von Drogengeschäften, wie die Stasi ihr anfangs weismachen will. Mielkes Mannen interessieren sich vor allem für Janas Kollegen. Die junge Frau nimmt das hin. Denn sie ist längst verführt. Und nutzt schamlos ihre neu gewonnene Macht aus. Durch denunziatorische Äußerungen an die Stasi über ihre neue Kollegin Chiara etwa, die wegen ihres reizvollen Äußeren bei den Gästen noch besser ankommt als sie selbst, entledigt sie sich der Konkurrentin.

Es gibt durchaus gute Gründe, IM-Spitzelei differenziert zu bewerten: Da wurden Leute bedroht, erpresst oder anderweitig unter Druck gesetzt, um sie zur Mitarbeit zu verpflichten. Ein solches Motiv war bei IM „Cornelia Astrid“ nicht im Spiel. Vielleicht ist ihr Fall aber gerade deshalb exemplarisch für ein Herrschaftssystem, in dem niederste Instinkte geradezu kultiviert wurden, um sie nutzbar zu machen für die Absicherung des totalitären Machtanspruchs. Was der Verlag als mutige Abrechnung Döhrings mit ihrer eigenen Biografie verkauft, ist in Wahrheit eine unfreiwillige Entlarvung des Typs mieser, kleiner Denunziant, der das große Schnüffelsystem trug. Beklemmend lebt in dem Buch der enge, triviale DDR-Alltag wieder auf, in dem Misstrauen so allgegenwärtig war wie die Doppelgesichtigkeit.

Bleibt zur Vervollkommnung des Bildes nur hinzuzufügen, dass Jana Döhring den Spieß umdreht: Mithilfe ihres Ehemannes, eines aus Westdeutschland stammenden Juristen, dem sie irgendwann ihre ganze Geschichte beichtet, strengt sie ein Verfahren gegen den aufdringlichen Ex-Kollegen an. Der Vorwurf lautet Stalking und Verletzung der Privatsphäre. Die Postkarten bleiben seither aus. Die unselige Altlast ist entsorgt. Die sozialistische Vergangenheit ist mit dem Buch kapitalisiert.

Jana Döhring: Stasiratte. Hartriegel Verlag, Köln 2012. 229 Seiten, 13,95 Euro.

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