Kultur : Im besten Alter

Die 4. „Lesershow“ in der Berliner Volksbühne widmet sich Pop, Literatur und Wissenschaft

Jens Mühling

„Vielleicht sollten wir über Pop reden.“ Als vorsichtigen Vorschlag hat Benjamin von Stuckrad-Barre das damals noch formuliert. Die Feuilletons reagierten weniger zögerlich – und redeten. In der Debatte um das Mitte der Neunzigerjahre entdeckte Phänomen „Popliteratur“ entstand zwischen kulturkonservativer Ablehnung und euphorischer Begeisterung bald ein so breites Spektrum an Grautönen, dass nun, nachdem der große Hype vorerst verklungen ist, der Begriff selbst ein wenig grau wirkt. „Als Popliterat wird doch inzwischen jeder bezeichnet, der unter 65 ist und noch einen Stift halten kann.“ Tina Uebels Diagnose ist sympthomatisch: Ähnlich wie die 34-jährige Schriftstellerin aus dem Umfeld des Hamburger Literaturkollektivs „Macht e.V.“ will sich inzwischen wohl kaum mehr ein Autor mit dem totdiskutierten Label „Pop“ schmücken.

Grund genug für die „Neue Gesellschaft für Literatur“, das Phänomen im Rahmen ihrer vierten „Lesershow - Berliner Festival junger Autoren“ neu zu verorten. Von Freitag bis Sonntag hatten im Roten Salon der Berliner Volksbühne 23 Autoren und sieben Literaturwissenschaftler Gelegenheit, den Pop zu kategorisieren, zu feiern oder zu beerdigen – je nach Gusto. Die Lesungen präsentierten sich dabei so heterogen, wie es das gewählte Leitmotiv erwarten ließ. Eine wie auch immer geartete Popaffinität ließ sich weder an der Generationszugehörigkeit der Autoren festmachen – die Bandbreite reichte von Ricarda Junge (Jahrgang 1979) bis Jenny Zylka („im besten Alter“) –, noch an den präsentierten Texten: Deren Stilspektrum schloss Bastian Böttchers Slam Poetry genau so mit ein wie die avancierte Erzählkunst eines Gregor Hens, dessen Debütroman schon als „Meisterwerk“ bezeichnet wurde – kann so jemand überhaupt noch Popschriftsteller sein? Abgesehen von wenigen Hängern zeigte sich die deutsche Literatur hier jedenfalls so lebhaft, so witzig, so klug, dass es schwerfällt, die gelungensten Lesungen zu benennen: vielleicht die geistreich-versponnene Lyrik des Trios Rainer Stolz, Stefan Gürtler und Lars-Avid Brischke, oder auf der Prosaseite Karsten Krampitz und Michael Stauffer, natürlich Gregor Hens, aber auch der „Macht e.V.“.

Während es bei den vollständig ausverkauften Lesungen weitgehend heiter zuging, bemühte sich im parallel laufenden Symposion die Wissenschaft, den unübersichtlichen Popdschungel mit den ernsten Instrumenten der Literaturkritik zu lichten. Andreas Schumann, Jochen Bonz, Eckhard Schumacher und C. Langer näherten sich dem Phänomen Pop durch Analysen einzelner Werke, Boris Kerenski präsentierte eine Geschichte des Poetry Slam, Moritz Baßler und Thomas Ernst versuchten sich an einer generellen Verortung des Begriffs Popliteratur. Am überzeugendsten gelang dies Baßler, der den Verdienst der Popliteratur in ihrer „Kunst des Archivismus“ begründete – wie auch schon in seinem 2002 erschienenen Buch zum gleichen Thema.

Auffällig isoliert standen die beiden Blöcke der Veranstaltung nebeneinander: Zwar tauchten einzelne Literaturwissenschaftler auch bei den abendlichen Lesungen auf, das Interesse der Autoren am Symposion war jedoch gering. Auf eine entsprechende Frage aus dem Publikum schlug Baßler vor, bei zukünftigen Veranstaltungen Literaturwissenschaftler in einer Art Echtzeit-Slam auf literarische Texte reagieren zu lassen. Man sollte ihn beim Wort nehmen.

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