Kultur : Im Bildnis lebt Pamina schon

SYBILL MAHLKE

Umstritten wie erwartet: Achim Freyer präsentiert Mozarts "Zauberflöte" bei den Salzburger Festspielen.Christoph von Dohnányi dirigiert mit Feinsinn, aber wenig Fortune.VON SYBILL MAHLKEDer Vorstadtpoet Emanuel Schikaneder trifft den wohlbekannten Theaterrattenfänger von heute: Achim Freyer."Eine große Oper in 2 Akten, von Emanuel Schikaneder" werden "die Schauspieler die Ehre haben aufzuführen" - so schiebt sich das "Zum Ersten Male", auf dem alten Theaterzettel immer wieder gelesen, als Ahnung in die Gegenwart.Ebenso der spätere Bühnenbildner Schinkel mit dem Sternenbaldachin. Der diskrete Charme des "Hereinspaziert" aber leuchtet aus dem Zifferblatt einer Uhr, die an der Rampe kreist und keine Nachsicht kennt: "Der Anfang ist um 7 Uhr", damals im Theater auf der Wieden wie Anno 1997 als Neuinszenierung der Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule.Ein Geiger aus dem Freyer Ensemble Berlin kratzt stumm auf seinem Instrument, wie ein Relikt aus einer anderen (Freyer-)Vorstellung, zum Beispiel dem "Mädchen mit den Schwefelhölzern" von Helmut Lachenmann, der Hamburger Uraufführung der Saison.Wer also Freyers Theater kennt, wird Wiederentdeckungen machen.Freyer inszeniert auch hier nicht Musiktheater, sondern Musik und Theater.Requisiten wie Putzzeug, Eimer, Trommel sind zwischen Zuschauerbänken unter der Bühnenkuppel verstreut, bevor es ernst und heiter wird mit der "Zauberflöte": Pierrot lädt ein in eine magische Commedia, er tänzelt das Allegro der Ouvertüre vor: der Prinz Tamino und seine Pamina werden aus diesem Reich kommen, weißgekleidet und -geschminkt.Das Nebeneinander von Humanitätsideal, hoher Liebe und Ausstattungstheater der Gattung Maschinenkomödie mit Flugwerk, fahrbaren Gegenständen, Tricks, Versenkungen, Feuersbrunst geht in der "Zauberflöte" eine seltsame Ehe ein.Es ist anzunehmen, daß Mozart wußte, was er tat, als er "für das Theater des bekannten Schikaneders" Musik komponierte.Schikaneder spielte den Papageno.Nach ihm kommen die Exegeten, die nicht Vorstadtposse, sondern Staatstheater wollen, deutsche Oper vor allem, Erhabenheit mit dem Ergebnis der "Reichsbässe" (Ivan Nagel), die den Sarastro singen.Das wiederum fordert in der Enkelgeneration die kritischen Regisseure heraus, den "Abgott" aufklärerischen Denkens, der bei seinem ersten Auftritt dem armen Mohren "siebenundsiebzig Sohlenstreich" verordnet, als modernen Diktator zu sehen."Es lebe Sarastro, der göttliche Weise, / Er lohnet und strafet in ähnlichem Kreise." Das darf doch nicht wahr sein.Je älter wir werden, desto mehr wandelt sich "Die Zauberflöte". Freyers Märchentheater - oder gewiefte Clownerie - holt mit dem Mut zum Teilaspekt aus der Ferne die Unschuld in das Stück zurück.Dabei ist die Versuchung aller Sinne der beiden Prüflinge Tamino und Papageno erlaubt.Zunächst gesichtslos, agieren die drei Damen der Königin der Nacht mit so prall aufgepflanzten Brüsten, daß der weiße Jüngling schier erdrückt scheint von quasi sechsmal Weib.Papageno ist der Spaßmacher mit den viel zu großen Hosen, die auch ihren Spielraum geben für erotische Hexereien.Wie er auffährt per Zauberrad, mit hochgestapelten Vogelkäfigen, bleibt er doch unter der Pappnase ein Clown der eher traurigen Sorte, weil er keine Lust hat auf die tausendmal gehörten und belachten Kalauer.Genehmigt der Komödiant Freyer der dritten Dame den französischen und dem zweiten Priester den sächsischen Akzent, so ist seine Textbehandlung insgesamt durch die Schule des Verweigerungskünstlers Lachenmann gegangen.Sie ist von der Art, in den Löchern zwischen dem Dialog hören zu lassen, was nicht gesagt wird: dieses blöde "Ja, mein Engel", "Freilich, mein Engel" etwa, mit dem sich Papagena stimmlich als alte Frau verkleidet. Das Bildnis, das dem Jüngling so bezaubernd schön erscheint, ist eine schwarze Tafel in buntem Rahmen, Freyers Farbensymbolik eingepaßt, und belebt sich, kaum daß Papageno eine Kerze davorgestellt hat.Die Bild-Papagena reagiert auf die Einbildung Taminos.Das Verwirrspiel geht weiter, als eine steinalte Theaterfee, lange Silberlocken über dem Sternenmantel und rote Spinnenfinger, flammend vom Raub ihrer Tochter Pamina singt, durch Magie in die Höhe wächst und dem Prinzen als Pfand einen überdimensionalen Frauenschuh zurückläßt.Tamino wird mit dem Schuh im Arm vor dem Sprecher der Eingeweihten argumentieren: "durch ein unglücklich Weib bewiesen." Sklaven fegen die Manege.Kreise um Kreise werden gezogen, unter anderem von der Zirkusprinzessin Pamina mit der Pferdedressur: Als des Pferdes Kern entpuppt sich Monostatos, um die Verpuppung erneut zu akzeptieren, wenn Papagenos Glöckchen klingen.Alles dreht sich.Am Außenrand der Säulenheilige Hermann Prey als Sprecher.Schließlich kreiseln im Kreis die Röcke der Priester: "O Isis und Osiris." Ägyptisches und "Japonisches" umgeben einen Sarastro (wohl vertraut: René Pape), der gern aus der Höhe, dem magischen Auge der Kuppel, singt, dem männlichen Prinzip, dem an gleicher Stelle die drei (Tölzer) Knaben zugeordnet sind, bevor sie Pamina zum Tänzchen auffordern. Dem Weib gehört die rote Mondsichel mit einem Vorhang dahinter, den sie nach Belieben zwischen den Zeilen ihrer Racheschleuder zuzieht.Die Frau im Mond, die mit dem Fernrohr auf ihre Untertanen (Melanie Diener, Norine Burgess, Hélène Perraguin und Robert Wörle) blickt, ist die Königin des Abends: Natalie Dessay - dramatische Koloratur, die lebt und bebt und trifft.Das Theater der Seifenblasen, Zylinder, Spitzhüte, Wilden Tiere, Farben und mechanischen Objekte aber verweigert tiefere Bedeutung nicht, wo es um die beiden Paare geht: "Papageno, sieh dich um", fordern die drei Knaben den Toren auf, nachdem seine Papagena schon kreiselang hinter ihm hergerannt ist.Der Gleichklang der Herzen im Duett schwingt auf dem Fahrrad weiter.Matthias Goerne ist der neue Papageno, Kasperl zwar, aber leise und beinahe weise, ganz Bariton voll Wärme. Bei Tamino und Pamina geht die getrennte Kongruenz der Bewegungen so weit, daß sie Gefühle ausdrückt.Inniger kann kein Liebender (auf Befehl) abgewandten Gesichtes seiner Pamina zuhören als dieser Tamino ihrer g-Moll-Arie vom scheinbar ewig verlorenen Glück.Stimmlich sind Michael Schade und Sylvia McNair erfrischend-anrührend Jungtenor und Jungsopran.Wenn das jeder Prüfung gewachsene Paar die Herrschaft übernimmt, streben Mond und Sonnenkranz zueinander, das Schwarz der Wilden Tiere zum Weiß als additiver Farbsynthese.Tamino und Pamina werden gedoubelt, Sterbliche den Göttern gleich. Bei den Wienern Philharmonikern behalten die Zauberinstrumente desto menschlicheres Maß.Sei es, daß der Theatermann Achim Freyer, universal wie er ist, dem Dirigenten Christoph von Dohnányi zu heikle Entfernungen zumutet, sei es, daß der Sinfoniker am Pult der Theaterpraxis entwachsen ist, die Partitur verblaßt hinter dem Optischen, zu schweigen von den Differenzen zwischen Bühne und Orchester.Beim Priesterduett wird es gefährlich, bis das Tempo sich einschwingt.Dann allerdings ist es, wie meistens bei diesem Dirigenten, auch das richtige.Im übrigen spielt das beliebte Interieur der Felsenreitschule, mit dem sich so viele Inszenierungen identifizieren, nur in der Andeutung eine Rolle. Der Maler Achim Freyer will einen eigenen Raum, weil er findet, daß die Felsenreitschule die Grenzen bei weitem überschreiten würde, die diese Musik setzt.Sein konzentriertes Welttheater gibt ihm recht.

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