Kultur : Im Blaubartzimmer

Michael Kumpfmüllers beklemmende Moritat: „Durst“, der Roman einer Kindstötung

Katrin Hillgruber

LITERATUR

Dem Tatbestand der Kindstötung ist im deutschen Strafrecht ein eigener Paragraf gewidmet, bedroht dieses Verbrechen doch die Keimzelle der Gesellschaft. Die Öffentlichkeit reagiert oft hysterisch und mit der Dämonisierung der Täterin, wenn dieser Nukleus angetastet, wenn aus der nährenden Beschützerin eine verstoßende, vernichtende Mutter wird. Giftmörderinnen wie die 1831 in Bremen hingerichtete Gesche Gottfried sind bis heute im Bewusstsein der Nachwelt präsent. „Evchen Humbrecht oder Ihr Mütter merkts Euch!“ sollte das Trauerspiel „Die Kindermörderin“ des Sturm-und- Drang-Autors Heinrich Leopold Wagner ursprünglich heißen. Es zeigt, wie leicht diese Tat in Literatur und Leben zur Moritat gerät.

Auch Michael Kumpfmüller bediente sich für sein zweites Buch mit dem etwas flachen Titel „Durst“ eines realen Falles von zweifachem Kindesmord. Es trug sich im Sommer 1999 in Frankfurt/Oder zu, als eine 23-jährige Floristin ihre beiden kleinen Söhne 15 Tage lang in der Wohnung zurückließ. In der Tradition von Balzac und Zola verwandelt Kumpfmüller das ort- und zeitgebundene Ereignis aus der Tagespresse in ein Gleichnis, in eine kalte, ratlos machende Legende.

Mit „Durst“, das auf den ersten Blick so ganz anders erscheint als der überbordende Zeit- und Schelmenroman „Hampels Fluchten“ aus dem Jahr 2000, stellt sich der 42-jährige, aus München stammende Wahlberliner souverän einer doppelten Herausforderung: dem außerordentlichen Erfolgsdruck nach seinem vielgepriesenen Debüt (so meinte die „FAZ“, in Kumpfmüller „ihren“ Erzähler gefunden zu haben) sowie dem landläufigen Vorurteil, journalistische Quellen taugten nicht für ernsthafte Belletristik. Dabei liegt es dem Autor fern, das Psychogramm einer Mörderin aus Überforderung zu zeichnen, deren Umwelt in beklemmender Weise versagt – Untertöne von Sadismus und Missbrauch deuten das an. Es geht ihm nicht um eine Anklageschrift gegen die Gesellschaft. Will man dem Text überhaupt einen pädagogischen Impuls unterstellen, dann höchstens den, über die eigene Gewaltbereitschaft nachzudenken. Er vermittelt eine Ahnung vom grundlos Bösen. In Zeiten, in denen Elternschaft oft als Selbstverwirklichung verstanden wird, bricht er mit dem Dogma der Kinderliebe, das stressbedingte, negative Gefühle dem Nachwuchs gegenüber leugnet.

Die junge Frau namens Conny schließt ihre drei- und vierjährigen Söhne - die „verwilderte Brut“ nennt sie der zwischen Einfühlung und distanzierter Emphase schwankende Erzähler – mit Safttüten und eingeschweißten Salamihappen im Kinderzimmer ein und bricht zu ihrem Liebhaber auf. Die Hochsprache und geschmeidig wechselhafte Perspektive der Darstellung stehen im Spannungsverhältnis zum Kosmos der dumpfen Triebe und Konsumwünsche, in dem sich das erzählte Subjekt C. bewegt. „Jemanden vergessen, nicht an ihn denken, obwohl man es könnte: Das war böse“, sinniert die im Grunde gedankenlose und maulfaule Täterin. Sexuelle Abenteuer, die ebenso brutal wie kläglich ausfallen, verkörpern in ihrer Häufung Connys mangelnde Ausdrucksmöglichkeit. Ein anderer, nicht sehr origineller Hinweis in diese Richtung ist ihre Hassliebe zu Kuscheltieren, die sie vergräbt und reuig wieder ausbuddelt: „Als wären die Tiere ihr Ein und Alles.“ Hier neigt der Text zur Überdeutlichkeit. Aber sonst lässt er den Leser beim Versuch, etwas zu verstehen, das nicht zu verstehen ist, allein. Das schafft einen novellistischen Kern der Verstörung, verleiht dieser Etüde über den tragisch fehlgeleiteten Lebensdurst ihren so zwiespältigen Reiz.

Der Schritt vom weit ausladenden, mit unzähligen Konjunktionen und gemütlich süddeutschen Inversionen („Eine Arbeit, eine schwere, dieses Vergessen“) nach vorne strebenden Roman „Hampels Fluchten“ zu „Durst“ kommt einem Umschwung vom Panorama- zum Tunnelblick gleich. Doch beide Bücher sind Fluchtgeschichten, die eine große orchestriert, die andere eine Kammersinfonie, und beide schildern eine ähnlich reizvolle Ausgangssituation: Die jeweilige Grenzüberschreitung der Hauptfigur ist ganz leicht zu bewerkstelligen, aber moralisch tabuisiert.

Heinrich Hampel flieht 1962 vor seinen Gläubigern aus Bayern in die DDR, Conny tritt einfach aus der Haustür. Aus dem verschlossenen Blaubartzimmer in ihrer Wohnung dringt bald kein Laut mehr. Es wird zur erzählerischen Leerstelle, von der eine ungeheure Zentrifugalkraft ausgeht. Ab einem gewissen Zeitpunkt kann die Frau wie durch magnetische Abstoßung den Tatort nicht mehr betreten. Stattdessen kreist sie die wachsende Katastrophe in immer engeren Schleifen ein.

Das Hochhaus-Kammerspiel wird durch ein musikalisches Leitmotiv rhythmisiert. Zu Beginn jedes der dreizehn Kapitel suggeriert ein strahlender Junimorgen die Möglichkeit von Aufbruch und Neubeginn. In den ersten Momenten nach dem Erwachen hat Conny ihr Delikt vergessen, sie wähnt sich frei. In diesen Passagen glaubt man die verführerische Melodie des Taugenichts Heinrich Hampel zu vernehmen: „Er machte sich keine großen Gedanken über den Anfang, oder er war einfach zu müde dazu, oder er dachte, dass er seine Entscheidung ja noch immer rückgängig machen konnte.“

Bis zum Schluss in Bautzen meint er, so schlimm werde es für einen wie ihn nicht kommen. Ähnlich verhält es sich in „Durst“ im gedehnten Jetzt vor der Entdeckung eines alltäglichen Verbrechens. Das Vergessen ist in der Tat eine schwere Arbeit, denn dieses kompromisslose Buch prägt sich ein.

Michael Kumpfmüller: Durst. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003. 208 Seiten, 16,90 €.

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