Kultur : Im Blick des Mörders

KAI MÜLLER

Der Gegensatz könnte nicht größer sein.Während im sonnendurchfluteten Erdgeschoß des polnischen Kulturinstituts die Fotos der Agentur "Dementi" vom Untergang der kommunistischen Diktatur erzählen, herrscht im Obergeschoß das stille Entsetzen: Man blickt in die ausgemergelten Gesichter von Menschen, die wie betäubt durch eine für sie immer unverständlicher werdende Welt taumeln.Es sind Bilder aus den jüdischen Stadtteilen und Ghettos in Warschau, Kutno, Dabrowa Gornicza.Zum überwiegenden Teil entstammen sie deutschem Dokumentations- und Propagandamaterial, das zu Schulungszwecken für SS und Gestapo aufgenommen wurde.

1987 wurden in einem Wiener Antiquariat mehrere hundert Farbdias entdeckt, die zu den ersten Dias ihrer Art in der Geschichte der Fotografie zählen.Wie sich herausstellte, waren sie im Ghetto Litzmannstadt in den Jahren 1940 bis 1945 aufgenommen worden, vom Finanzleiter des Ghettos, dem Österreicher Walter Gennewein.Dariusz Jablonski benutzt diesen Fund, um in seinem Film "Der Fotograf" (1998) die Geschichte des Ghettos nachzuerzählen.Er kontrastiert die unscheinbaren Fotos des Amateurs mit den Erinnerungen von Arnold Mostowicz, einem überlebenden Ghetto-Arzt, sowie mit Verwaltungspapieren, Briefen, Berichten.

"Die Bilder sind echt, aber sie zeigen die Wahrheit nicht", beklagt Mostovicz.Elend und Erniedrigung wurden von dem Buchhalter ebenso ausgeblendet wie die von den Aufsichtsbehörden angewendete Gewalt, weil Gennewein keinen Blick für das Leiden der Menschen besaß.Für ihn beschränkte sich die Anteilnahme auf seine Zahlenkolonnen und Bilanzen, an denen sich die Produktivität des in eine riesige Rüstungs- und Kleiderfabrik umfunktionierten Ghettos ablesen ließ.Der Herrenrasse-Ideologie zufolge war die jüdische Bevölkerung von Lódz lediglich auszubeutendes Kapital, "eine Maschine, die geschmiert werden muß", wie aus den Akten verlautete."Ich lege Wert auf die Feststellung", verteidigte sich Gennewein, "nicht für ein KZ gearbeitet zu haben." Trotzdem lieferte ihm das Ghetto einen Vorwand, nicht an die Ostfront geschickt zu werden, weshalb er und seine Mitarbeiter bemüht waren, den Verfall des für 320 000 Lódzer Juden eingerichteten Ghettos zu verlangsamen - ohne nachlässig zu werden.

Jablonskis Dokumentarfilm ist eine eindrucksvolle Studie über die Erinnerung.Seine Kamera bewegt sich mit einer schwebenden Leichtigkeit durch die Straßen des ehemaligen Ghettos - als würde sie eine versunkene Stadt aufsuchen, die nur in Träumen weiterlebt.Genneweins Fotos bewiesen zumindest, daß es sie tatsächlich gegeben hat.Das Unheimliche an ihnen aber ist, daß die zerlumpten, verhungerten Gestalten regungslos in die Kamera schauen, als würden sie ihr ausgeliefert sein.Es sind kühle Bestandsaufnahmen von den Arbeitsbedingungen, Kleidersammlungen, dem konfiszierten Schmuck und Wertgegenständen.

In den Schilderungen des Arztes lebt die Agonie von Litzmannstadt als ein seelisches Trauma wieder auf.Während der Ältestenrat des Ghettos gezwungen wurde, die Arbeitsunfähigen, Kinder und Alten herauszugeben, quälte den Hobby-Fotografen die Sorge um die Bildqualität.Denn die Dias nahmen nach der Entwicklung eine "unschöne rot-braune Färbung" an, so daß er empörte Briefe an die IG Farben-Tochter Agfa schickte.

Die Aufnahmen demonstrieren das Dilemma, in dem sich die Erinnerung an den Holocaust befindet.Denn Bilder aus den Ghettos gibt es nicht.Wir verdanken es der Gründlichkeit der NS-Apparatur, daß sie sich über die schleichende Verelendung und den Todesmarsch der Opfer bis zuletzt unterrichtete.So sind die Überlebenden in der Erinnerung auf die Perspektive der Täter angewiesen.Was in deren Hinterlassenschaft weiterlebt, ist die Dehumanisierung des Blicks."Judenbad" heißt die letzte Aufnahme aus Genneweins Beständen.Es zeigt eine Menge unbekleideter Gestalten unter der Dusche.Danach wurde Litzmannstadt aufgelöst und die 80 000 Juden nach Auschwitz deportiert.Gennewein starb 1974 in Salzburg als unbescholtener Bürger.Er hatte ja nur die Bilanzen geprüft.

Die Ausstellung "Im Gedenken an die Polnischen Juden" ist bis zum 25.April im Polnischen Kulturinstitut zu sehen, Di bis Fr 10-18 Uhr

Der Film "Fotoamator" ("Der Fotograf") läuft heute in der Akademie der Künste, 19 Uhr

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