Kultur : Im Boxring des Misstrauens

Bilder & Bildermacher: eine Konferenz zum Karikaturenstreit im Berliner Haus der Kulturen der Welt

Thomas Lackmann

Anne Knudsen entspricht dem blonden Bild einer Skandinavierin. Die Anthropologin ist Chefredakteurin von „Weekendavisen“, der dänischen „Zeit“. Die Karikaturen der „Jyllands-Posten“, die vor drei Monaten den jüngsten west-östlichen Bilderkrieg auslösten, hatte sie damals „eine billige Art, Gläubige zu beleidigen“, genannt. Ihr Blatt publizierte Parodien auf die Satiren. Unter einer Mona Lisa mit Schnäuzer stand: „Können Sie beweisen, dass der Prophet eine Frau war?“ Ein abstrakter Kandinsky war untertitelt „Der Prophet am See“. Seitdem sind Knudsens Telefon und Adresse geheim. Dänische Imame auf pan-muslimischer Agitprop-Tournee haben einen reichen Pakistani für die Blasphemikerin interessiert. „Wenn Sie 150 Kilogramm Gold haben wollen, müssen Sie mich köpfen“, sagt die geborene Grönländerin etwas zu cool auf dem Podium im Haus der Kulturen der Welt (HdKW).

Wer an diesem Mai-Wochenende herabgestiegen ist ins Fegefeuer der Abstraktion, in den lichtlosen Theatersaal der Kongresshalle, will es wissen. Nur: was genau? Die Kulturstiftung des Bundes und das HdKW veranstalten eine Konferenz: „Bilderkriege. Bruchstellen der Moderne“. Die Tagung soll über ihren Anlass hinaus – den clash of cultures zwischen Satirikern und Kopfgeld-Demagogen – fast alles verhandeln: die „Muslime in Europa“, „Menschen- und Freiheitsrechte in der Globalisierung“ und „Veränderungen in den globalen Beziehungen“. Das Projekt der Moderne, sagt HdKW-Intendant Bernd Scherer, sei „noch lange nicht abgeschlossen“.

So zeigt das Duell eines Kunsthistorikers und eines Politologen Bruchstellen nicht nur zwischen hüben und drüben, sondern im westlichen Selbstverständnis. Nicholas Mirzoeff von der New York City University behauptet, die Globalisierung produziere eine hypervisuality, der Islam sei uns zum Bild geworden. Wenn noch im 15. Jahrhundert die Bellini- Zeichnung eines Schriftgelehrten auf den Austausch zwischen dem venezianischen Künstler und dem osmanischen Gastgeber verweise, markiere der Orient auf späteren Schlachtenbildern „die Grenze“ und schließlich, bei Napoleons ÄgyptenFeldzug, den Raum für imperiale Eroberung. Das Bild werde zur Waffe, den fallenden Türmen von 9/11 entspreche die gekippte Saddam-Statue. Um bildbestimmte Politik zu verstehen, müsse man, laut Walter Benjamin, Seele, Auge und Hand gleichermaßen einbeziehen.

„Esoterisch“ nennt das Kai Hafez aus Erfurt, Professor für Vergleichende Analyse von Mediensystemen. Kommunikation werde auch von Beziehungsebenen bestimmt. Es gebe einen neuen Kolonialismus. Der US-Präsident sei gut informiert über die Gegenseite, ebenso die Islamisten über den Westen. „Der Irakkrieg war kein orientalistisches Missverständnis“. Nicht Bilderwelten treiben die Politik an: Eliten beider Seiten seien interessiert, die Öffentlichkeit mit Symbolen „aufzuladen“. Entscheidend sind die Texte dazu und Kontexte. In Ägypten ist der Karikaturenstreit übrigens ausgefallen, weil man im Endspiel des Afrika Cup stand, das war wichtiger! „Politische Kulturen verändern wir nicht durch Bilder“, sagt Hafez. „Philosophische Debatten führen weg vom eigentlichen Problem.“

Es hätte der Tagung gut getan, diesen Streit über die Macht der Bilder, Worte und Bildermacher fortzuführen, statt zur Welterklärung auszuholen. An Realitätsbezug gewinnt die Veranstaltung immer da, wo sie zum Artikulationsforum für das internationale Publikum, zum Boxring des Misstrauens wird. Wiederholt wird gefragt, ob nun der Muslim beim Anblick der Zeichnungen überreagiert habe oder eher der Westler auf die muslimischen Demos. Gereizt wird die Gelassenheit des anderen eingefordert.

Kommentare zum Umgang mit dem Volksempfinden liefert der Journalistenalltag. Adel Hammouda hatte die Karikaturen in seiner Kairoer Wochenzeitung „Al Fagr“ bereits zwei Monate vor der Skandalisierung gezeigt. Die Wutkampagne sei erst durch das säkulare syrische Regime geschürt worden, auch durch standardisierte SMS, an denen Telefongesellschaften verdienten. Muntaha al Rahmahi, Journalistin bei Al Arabija, ist stolz auf eine Pro-&-Contra-Kopftuch-Diskussion in ihrem Sender, aber „seit 9/11 sind wir alle in der Defensive und viel vorsichtiger geworden“. Jonathan Steele vom „Guardian“ berichtet, kein britisches Blatt habe die Spottbilder nachgedruckt. Gleichwohl rät er zu mehr Humor und erläutert, dass man in seinem Land nicht mehr von der Integration der großen Muslimgemeinde rede – „das klingt nach Assimilation“ – , sondern von „Einbeziehung“.

Wo Pluralismus und Menschenrechte zur Sprache kommen, geistert über die Podien das Zauberwort von der Aufklärung, die seinerzeit „ohne Input des Orients nicht hätte formuliert werden können“ (Knudsen). War aber der Orient nicht von vornherein ausgeschlossen (Kai Hafez)? Ulrich Preuß erinnert daran, dass nicht die Religionsfreiheit, sondern die Abschleifung der Religiosität den Religionsfrieden hervorgebracht habe. Der Berliner Jurist empfiehlt den „Mitgliedern einer gespaltenen Gesellschaft“ die Weiterentwicklung der zähneknirschenden Duldungstoleranz von einst: eine „aktive Toleranz der zweiten Ordnung“, die das Recht des anderen aufs Anderssein begrüßt.

Publikumsreaktionen konterkarieren seine Vorstellung: Das Verbot der Holocaust-Leugnung wird als Diskreditierung der Meinungsfreiheit attackiert, die Bedrohung des „wertvollen Kopfes“ von Anne Knudsen wird ironisiert. Gut, dass wir miteinander gesprochen haben.

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