Kultur : Im Dickicht der Fuge

ISABEL HERZFELD

Das Vogler-Quartett zu Gast im kleinen Saal des SchauspielhausesVON ISABEL HERZFELDWas das Vogler-Quartett anfaßt, wird klingendes Gold, überzeugt durch Klangschönheit und plastische Gestalt.Daß diesmal sein Auftritt im kleinen Saal des Schauspielhauses kein großer wurde, kann somit nur an der Stückauswahl gelegen haben: zu unterschiedlich die Komponisten, die bei eng beieinander liegenden Lebensdaten an sich interessante Bezüge versprechen.Unter dem Stichwort "Fin de siècle" liegen sie vor allem im Umgang mit überbordender, zur Auflösung drängender Chromatik. Claude Debussy umgeht das Problem auf elegante Art, indem er in seinem Streichquartett g-moll die eher modale Harmonik in sich kreisen läßt.Klarheit geben rhythmische, teils spanischer Folklore abgehörte Elemente.Das spielen die vier Musiker mit viel Temperament und ausgeprägten Eigenfarben - so etwa im breiten, weichen Bratschenstrich, mit dem Stephan Fehlandt das meditative Thema des langsamen Satzes skizziert, dem gläserne hohe Akkorde der beiden Geigen gegenüberstehen.Das mit dynamischem Schwung gebotene Pizzikato-Scherzo kann natürlich dem Mandolinen-Geflüster in Hugo Wolfs "Italienischer Serenade" verwandt empfunden werden, und doch erlebt man hier eine völlig andere Klang- und Ausdruckswelt.Primarius Tim Vogler darf mit "Nachtigallgezwitscher" brillieren, Stephan Forck mit pathetisch schmachtenden Cello-Rezitativen.Drängende Chromatik, poetisch verzögerte Übergänge überschatten den munteren Plauderton.Und doch bleibt alles zu leichtgewichtig, um auf Dauer zu fesseln. Was sich über Max Reger sicher nicht sagen läßt, dessen "chromatische Polyphonie" stets vergrübelte Züge trägt.Die erstaunlich knapp gehaltenen Themenkontraste seines Es-Dur-Streichquartetts exponieren die "Voglers" mit nachvollziehbarer Klarheit.Sicher führen sie den Hörer auch durch das Dickicht der finalen Doppelfuge.Doch gerade dadurch erhellt sich bis zu Überdruß, wie sehr es in den salbungsvoll umspielten Choralthemen brucknert, in den letzten Kraftaufschwüngen meistersingert.Daß Schönberg solche schwül umschlagende Biederkeit mit einem eisernen Besen der Zwölftontechnik auskehrte, deutete sich hier schon - 1909 - als notwendig an.

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