Kultur : Im Dickicht der Pfeile

Er wollte Musik studieren und wurde Regisseur: Hal Hartley zeigt „Fay Grim“ im PANORAMA

Sebastian Handke

Hal Hartleys erster Spielfilm „The Unbelievable Truth“ hatte 1989 im New Yorker Angelika-Kino Premiere. Dessen winzige Säle sind um eine U-Bahn herum gebaut, die vorbeifahrenden Züge rhythmisieren das Kinoerlebenis. Als die Handlung aber eine leise Stelle passierte, hörte Hartley etwas anderes: Da pfiff doch jemand frech in seinen Debütfilm hinein. Hartley schaute um sich. Es war sein Vater. Die Aufmerksamkeit des Hochhausbau-Vorarbeiters hatte sich verselbständigt: Er war so angetan von der Konstruktion des Kinos, dass er den Blick wandern ließ und unwillkürlich zu pfeifen anfing.

Hal Hartley stammt aus einer katholischen Arbeiterfamilie in Lindenhurst auf Long Island. Sein Vater und seine Brüder unterstützten ihn zwar, aber er war doch immer ein schmächtiger, kunstinteressierter Außenseiter. Ein wenig wie Simon Grim vielleicht, jener verschreckte Müllmann, dessen literarisches Talent in Hartleys schönstem Film „Henry Fool“ (1998) von einem herumstreunenden Poeten entdeckt und gefördert wird. Ausgerechnet zu diesem Klassiker des unabhängigen US-Kinos hat Hartley jetzt eines der wohl seltsamsten Sequels der Filmgeschichte gedreht: nicht nur, dass er zehn Jahre nach einem eher ruhigen Film über eine Lehrer-Schüler-Freundschaft nun dasselbe Personal durch eine wilde Spionage- Farce treibt. „Fay Grim“ stellt außerdem den alten Film rückwirkend auf den Kopf: Henry Fool, so wird enthüllt, war kein missratener Dichter, sondern ein verschlagener Doppelagent. Seine achtbändigen „Bekenntnisse“: eine verschlüsselte Aufzählung amerikanischer Staatsgeheimnisse.

„Die Zeiten haben sich eben geändert. Meine Filme entstehen immer aus derselben Überlegung heraus: Was bedeutet es, jetzt am Leben zu sein? Fay Grim gerät unfreiwillig in die Mühlen der Weltpolitik und sie stellt sich dabei an wie der durchschnittliche Amerikaner: gutmeinend, aber sehr schlecht informiert.“ Eine Repräsentantin Amerikas? „Aber ja. Man sollte sie auf Briefmarken drucken.“ Hartley sitzt im Kant-Café und nippt an seinem Rotwein. Vor zwei Jahren zog er mit seiner japanischen Frau nach Berlin. „New York ist nicht mehr das, was es mal war. Die steigenden Mieten und der Patriot Act haben die kreative Gemeinschaft in alle Himmelsrichtungen verjagt.“ Sein neuer Kiez: Charlottenburg, Nähe Savignyplatz. „Nach zwanzig Jahren Nahkampf in New York ist es vor allem die Ruhe, die ich hier schätze. Deshalb lebe ich auch nicht im Osten.“ Die New Yorker Szenen für „Fay Grim“ hat er in Berlin-Britz gedreht.

„Trust“ und „Simple Men“, Hartleys frühe Suburb-Tragikomödien, machten ihn Anfang der Neunziger zum Hoffnungsträger des alternativen US-Kinos. Doch Hartley verweigerte sich und ärgerte seine Gefolgschaft 1994 mit der Thriller-Farce „Amateur“. Seitdem sucht er mit immer bedeutungsvolleren Stoffen nach einem neuen Publikum. Kein leichtes Unterfangen – mit seinem „realistisch-unrealistischen“ Stil, der sich durch scharfe, aber seltsam unengagiert vorgetragene Dialoge auszeichnet. „Kunst sollte künstlich sein“, sagt Hartley, „damit man den Autoren darin erkennt.“

Nach dem College wollte er Musik studieren, glaubte aber, sein Hirn sei der Mathematik des Komponierens nicht gewachsen. „Ich dachte, auf der Kunstschule könne man das verschleiern. Dann habe ich in einem Kurs erstmals einen Film gemacht – es war ein Offenbarung.“ Bis heute ist es die Komposition des Bildaufbaus und die Choreografie der Bewegung, die ihn am meisten interessiert.

Und wie macht er das? Hartley nimmt sich Serviette und Stift. „Das ist Szene 16, Agent Fulbright und Fay Grim in der Küche, als sie die Freilassung ihres Bruders verlangt.“ Ein Küchentisch, gebogene Pfeile, Striche und Kreuzchen, ein F und ein G. Es sieht aus wie das Schema einer komplexen Fußballtaktik. „Die Schauspieler machen dann natürlich etwas anderes daraus. Aber ich bin gerne gut vorbereitet.“ Hartley faszinieren die Bewegungsabläufe bestimmter Schauspieler, und er setzt sie dann gleich in mehreren seiner Filme ein. Parker Posey zum Beispiel, Darstellerin der Fay Grim. „Bei ihr bewegt sich jeder Teil des Körpers in einem anderen Rhythmus. Wenn sie durchs Zimmer geht, dann mit der Schulter voraus, der Rest folgt in unterschiedlichen Abständen.“ Jeff Goldblum dagegen, „ein echter Tänzer“. Der Darsteller des FBI-Agenten Fulbright wollte so dringend mit Hartley arbeiten, dass er ihn in New York auf der Straße ansprach – er kannte Hartleys Gesicht von der „Amateur“-DVD, die er gerade studierte.

Hartleys Beitrag zu einem Episodenfilm, an dem auch Christian Petzold beteiligt ist, wird sein erster Berlin-Film sein. Danach: ein Werk mit Goldblum über einen reuevollen Geschäftsmann, der aussteigen und in ein Kloster nach Armenien gehen will. Der Mönch aber sagt: Erst musst du einen ehrlichen Menschen zu deinem Nachfolger machen. Der Geschäftsmann findet einen ehrlichen Menschen. Damit der aber überhaupt mitmachen will, muss er wirtschaftlich erst ruiniert werden. „Meine Filme sind nicht absurd“, sagt Hartley. „Die Welt ist es, die absurd ist.“

Heute 14.30 Uhr (International), 13. 2., 21.30 Uhr (Zoo-Palast), 14. 2., 13.15 Uhr (Cinemaxx 7), 17. 2., 20 Uhr (Cubix 7 & 8)

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