Kultur : Im Dickicht der Tarife

DISKUSSION

Steffen Kraft

Die deutschen Stadttheater opfern zwei Göttern gleichzeitig: der Kunst und dem Mammon. Einerseits wollen die Bühnen unabhängige Orte der gesellschaftlichen Selbstvergewisserung sein, andererseits zehren sie vom Haushalt der Kommunen. Doch der Geldsegen Mammons versiegt. Am Dienstag versammelte die Heinrich-Böll-Stiftung die Theatergläubigen zu einer Podiumsdiskussion über die Perspektiven deutscher Stadttheater . Zurzeit, so der Tenor, heißt es für die Theater, die Planungssicherheit von den Priestern des Geldes, den Finanzpolitikern, zurückzugewinnen. Nur dadurch könne das deutsche Ensembletheater gerettet werden.

Den Vorschlag von Vize-Bundestagspräsidentin Antje Vollmer (Grüne), die Stadttheater als Unesco-Weltkulturerbe auszuweisen, nahmen die anderen Podiumsteilnehmer als gut gemeinte Provokation. Glaubte der Besucher der These Stephan Märkis, sei es vor allem die (Tarif-)Vertragskunst, welche die Bühnen erlösen könne. Der Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar rettete sein Haus, indem er es in eine GmbH umwandelte und dem „Würgegriff des Flächentarifvertrags“ entwand. Auf eine für alle Stadttheater gültige Heilslehre konnten sich die Diskutanten in den Berliner Hackeschen Höfen gleichwohl nicht einigen. Während die Intendantin des Theaters Freiburg, Amélie Niermeyer, ihre Ballett-Sparte mit der Kompanie der Mannheimer Bühne fusioniert, setzt Ulrich Khuon, Intendant des Hamburger Thalia Theaters, auf zusätzliche Probestätten. Das spare während der Saison teure Umbauten auf der Hauptbühne. Die Hingabe an haushaltstechnische Details offenbarte gleichnishaft das Dilemma der Theater-Vielgötterei: Die Diskussion über die Rolle ästhetischer Mittel in der gegenwärtigen Krise musste sich auf wenige Minuten beschränken.

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