Kultur : Im Dreieck denken

Heute wird der Architekt I. M. Pei 90 Jahre alt

Ulf Meyer

In Amerika trägt er den Spitznamen „First Person Singular“. Denn seinen Namen I. M. Pei (Lies „I am Pei“ = „Ich bin Pei“) hat Ieoh Ming Pei aus der amerikanisierten Form seines chinesischen Namens Bei Yu Ming gemacht. Heute feiert Pei, der in Berlin das gläserne Schauhaus des Deutschen Historischen Museums Unter den Linden mit seinem schneckenförmigen Treppenhaus entworfen hat, seinen 90. Geburtstag. Den New Yorker Architekten hat vor allem die elegante gläserne Louvre-Pyramide in Paris berühmt gemacht. In den USA trägt unter anderem der Ostflügel der Nationalgalerie in Washington Peis unverwechselbare Handschrift. Für das ungewöhnliche dreieckige Grundstück in Washington musste Pei erstmals einen Grundriss entwickeln, der ganz auf Diagonalen basiert, die sein späteres Werk prägen.

Pei wurde 1917 in Kanton geboren und wuchs in Hongkong, Schanghai und Suzhou auf. Mit achtzehn Jahren ging er in die USA, um Architektur am MIT und in Harvard zu studieren. Seine Lehrer waren die emigrierten deutschen Bauhaus-Architekten Walter Gropius und Marcel Breuer, die moderne Architektur aus Europa in die neue Welt brachten.

Peis Architektur schafft starke Baukörper und schöne Innenräume, die von edlen Materialien und Peis einzigartiger Lichtregie leben. Seine stillen, monumentalen, spätmodernen Bauten entstehen aus der Auffassung, dass „Architektur eine pragmatische Kunst ist. Freiheit im Ausdruck gibt es nur innerhalb des Rahmens von Bewegung, Maß und Proportion und dem Genius Loci“, so Pei selbst.

Peis Charme, sein Taktgefühl und seine Geduld sind legendär. Aber erst die Freundschaft mit der Familie Kennedy eröffnete ihm Zugang zum OstküstenEstablishment. Nach dem Tod von John F. Kennedy durfte Pei 1964 die Gedenkbibliothek des Präsidenten bauen. Es folgten über fünfzig Gebäude, darunter Hochhäuser in Boston, Toronto, New York, Miami, Houston und Denver. Seinem Erfolg in Amerika folgten Aufträge aus dem Kreis der Auslandschinesen: für ein Hochhaus der OCBC und den Raffles-City-Turm in Singapur ebenso wie für eine christliche Kapelle in Taiwan.

Eine Wendung nahm Peis Karriere durch die Konfrontation mit seinen kulturellen Wurzeln. Seine Heimat sah er 1974 zum ersten Mal wieder, als das kommunistische China noch weitgehend abgeriegelt war. Pei bekam den Auftrag zum Bau eines großen Hotels in den ehemaligen kaiserlichen Jagdgebieten, den „Duftenden Bergen“ bei Peking. Das „Xiangshan-Hotel“ ist ein verschachteltes, asymmetrisches Haus mit Gartenhöfen, das sensibel in die Landschaft eingebettet ist und erstmals chinesische Raumprinzipien und Ornamente modern interpretiert. Der Entwurf stellt einen Bruch in Peis Werk und der Architektur Chinas dar. Jahre später folgte ein weiterer Auftrag des Regimes: Für die staatliche Bank von China, für die sein Vater vor der Machtergreifung der Kommunisten arbeitete, sollte Pei ein Hochhaus in Hongkong entwerfen. Es zeigte den Besitzanspruch, den die neuen Machthaber nach der Übergabe über die ehemalige britische Kronkolonie erhoben. Der scharfkantige, spitze Wolkenkratzer überragt eindrucksvoll die Skyline von Hongkong.

Auch im hohen Alter ist Pei aktiv. Sein Lebenswerk, das 1983 mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde, hat er jüngst um Museen in Luxemburg, Doha und Suzhou erweitert. Den Auftrag für das DHM-Schauhaus in Berlin verdankte Pei seinem Entwurf für die Louvre-Pyramide: Helmut Kohl wollte es Francois Mitterrand mit der direkten Beauftragung von Pei gleichtun. Seinen Pariser Welterfolg konnte der frankophile Pei in Berlin zwar nicht wiederholen – ein Museum in der Nähe von Schinkels Altem Museum bauen zu dürfen, war Pei dennoch eine späte Ehre.

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