Kultur : Im Dreivierteltakt mit Geist und Macht

Wolf Lepenies präsentiert in Berlin sein Buch über die Beziehungen von deutscher „Kultur und Politik“

Alexander Cammann

Ihrem Sog vermag kaum ein ambitionierter Dichter oder Denker zu entkommen: Die wechselvolle Langzeitaffäre von Geist und Macht zieht fast alle irgendwann in ihren Bann, entweder in heftiger Kritik oder in verhängnisvoller Hingabe. So will es das ungeschriebene Gesetz der Gelehrtenrepublik, so praktizieren es deren kluge Köpfe seit eh und je – in Aufrufen und Artikeln, Büchern und Talkshows. Und das Publikum schaut erstaunlich geduldig zu, wie die Fälle Handke und Grass jüngst bewiesen.

So konnte auch Wolf Lepenies diesem ruhmverheißenden Thema nicht widerstehen und erzählt in seinem neuen Buch die Beziehungsgeschichte von Kultur und Politik. Kaum einer wäre hierfür geeigneter als der 1941 geborene diesjährige Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels. Das kulturelle Feld hat er schon in zahlreichen Veröffentlichungen bestellt ( „Die drei Kulturen“, 1985; „Aufstieg und Fall der Intellektuellen in Europa“, 1992; „Sainte-Beuve“, 1997).

Auch bespielt hat es der Lepenies selber höchst erfolgreich: von 1986 bis 2001 als Rektor des Wissenschaftskollegs, als globalisierter deutscher Intellektueller in Princeton ebenso wie am Collège de France. Manch einer hätte ihn sich daher als neuen Präsidenten der Berliner Akademie der Künste gewünscht.

„Deutsche Geschichten“ heißt es im Untertitel des Werks. Tatsächlich betreibt der Soziologe Lepenies hier eher gelehrte Belletristik als begriffsstrenge Gesellschaftsanalyse. Komplizierte Theoriearbeit wird vom Leser nicht erwartet. Stattdessen soll er sich vom Autor und dessen schier grenzenlosen Kenntnissen durch die deutsche Kulturgeschichte zwischen 1789 und 1989 geleiten lassen – was dank der stilistischen Meisterschaft leicht fällt. Wir beobachten Goethe bei seiner legendären Begegnung mit Napoleon in Erfurt 1808 und schauen den beiden dilettierenden Malern und erbitterten Gegnern Hitler und Churchill über die Schulter.

In der originellen Zusammenschau von Gegensätzen liegt Lepenies’ Stärke: Die Antipoden Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen werden bei ihm zu geistesaristokratischen Geschwistern, voller Hochachtung füreinander. Daneben sind sie offenbar die einzig satisfaktionsfähigen deutschen Denker nach 1945; kein Wort über Niklas Luhmann oder Jürgen Habermas – eine auffällige Leerstelle.

Das Panorama des 19. und 20. Jahrhunderts, das der Porträtmaler Lepenies entwirft, hat zwei positive Helden. Immer wieder taucht Thomas Mann auf, dessen Leben und Werk die kulturell-politische Verwestlichung ohne Traditionsverlust verkörpert. Und der Soziologe Helmuth Plessner liefert mit seiner bekanntesten Schrift „Die verspätete Nation“ (1959) Orientierungshilfen durch die dramatischen Wechselfälle der Vergangenheit.

Modern wird das Buch durch seine konsequente und gerne zelebrierte Weltläufigkeit: So lässt Lepenies den französischen Dichter Paul Valéry intensiv über Goethe nachgrübeln oder den Stammvater der amerikanischen Neokonservativen Allan Bloom über oberflächliche Thomas-Mann-Kenntnisse stolpern. Der deutsche Stoff wird im Spiegel der anderen klarer.

Dennoch macht das kluge Parlando den Leser nicht so recht satt. Ein paar Provokationen hätten dieser beeindruckenden Zusammenschau gut getan. Zwar war die deutsche Überschätzung der Kultur eine politische Gefahr, wie Lepenies meint – vielleicht hat sie aber die einstige Weltgeltung der wissenschaftlich-künstlerischen Produktion Deutschlands erst ermöglicht? Solche abgründigen Fragen umschifft der moderat gestimmte Autor geschickt. Also versöhnen statt spalten: In der Fußnote 456 verteidigt er seinen Friedenspreis-Kollegen von 1998, Martin Walser. Dem Namen des Preises jedenfalls, den er Anfang Oktober in der Paulskirche erhalten wird, macht Lepenies mit diesem Buch alle Ehre.

Wolf Lepenies: Kultur und Politik. Deutsche Geschichten. Hanser Verlag, München 2006. 446 S., 29,90 €. – Buchpremiere mit dem Autor und Adolf Muschg heute um 20 Uhr im Plenarsaal der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz.

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