Kultur : Im Dschungelcamp

Wie Christoph Schlingensief am Amazonas mit Richard Wagner abhebt

Michael Laages

Hier kommt er nicht her, aber hier gehört er hin im letzten Augenblick, dieser ruhelose Seemann aus dem Märchenbuch, der ums Verrecken nicht sterben kann – in den Urwald gehört er, mitten hinein ins Naturtheater vom Amazonas. Wie ein Ufo ließen anno 1896 die Gründerzeitler aus der Alten Welt im brasilianischen Manaus eines der vielleicht schönsten Opernhäuser der Welt landen, als sei es ein Stück Heimat. Später kamen Werner Herzog und Klaus Kinski mit „Fitzcarraldo“.

„Ein ganz früher Fall von Disneyland“, sagt Christoph Schlingensief über das Opernhaus und lässt im letzten Bild der Inszenierung „O Navio Fantasma“ (wie „Der Fliegende Holländer“ hier heißt) ein altes Flussboot vom Amazonas gen Nirgendwo tuckern; an Bord spielt die Geisterkapelle Richard Wagners Musik. Mit diesem wahrhaftigen Traumbild – wie unendlich viele Filmseqenzen zuvor auf den Gazevorhang projiziert, der jetzt über der Bühnengeschichte vom untotunsterblichen Seefahrer fällt – zwingt der Regisseur und Visionär noch einmal all die Überblendungen zusammen, die sein brasilianisches Abenteuer prägen.

Er sei ja nicht hierher gekommen, um zu erklären, wie gut er deutsch könne, hat Schlingensief vor der Premiere am Sonntag betont, wo immer er konnte; und dieser neuerliche Versuch mit Wagner (nach dem Bayreuther „Parsifal“) ist das konkrete Gegenteil jener Import-Export-Beglückung durch deutsche Kulturpräsentationen allüberall in der Welt. Das sei auch gut so, sagt Hans Georg Knopp, Generalsekretär des Goethe-Instituts, das sich gemeinsam mit der Bundeskulturstiftung mächtig ins Zeug gelegt hat für dieses Projekt. Am deutschen Wagner-Wesen jedenfalls solle hier nicht der Urwald genesen.

Mitten hinein ins Finale des zweiten Akts mischt sich der Rhythmus einer jener furios trommelnden Straßenkapellen des brasilianischen Karnevals. Auch sonst ist der Aufführung weder Musik noch Story heilig. Knallbunt prunken die klassischen Kostüme der rituellen Feste; und ungezählte Einwohner einer Favela hat Schlingensiefs Team zum Mitmachen bewegen können. Sie alle hat er auf Expeditionen in die nähere Umgebung kennen gelernt, lange bevor die Arbeit auf der Bühne begann.

Auch darum ist Schlingensiefs „Fliegender Holländer“ vollgepropft mit Zeichen und Bildern der Spiritualität und Katholizität im brasilianischen Alltags: als Bilderflut über Passion und Erlösung. Der untote Holländer, verdammt zum Nicht-Sterben-Können und alle sieben Jahre auf der Suche nach der treu liebenden Frau, die ihn in der Liebe zum Tode erlösen könnte, ist bei Schlingensief vor allem und unrettbar unter die Gläubigen gefallen. Gastgeber Daland ist alles andere als nur ein Kapitän – vom Schiffs- mutiert er zum Glaubensführer, mit der ganzen Macht einer Kirche im Rücken. Choristinnen und Choristen ähneln eher Mönchen und Nonnen. Dem Steuermann aber köpft er gleich zu Beginn die Geliebte. Und dem Holländer fallen beim ersten Auftritt prompt die Erniedrigten und Beleidigten zu Füßen, all die armen Lazarusse einer leidenden Welt, auf Erlösung hoffend wie er selbst.

Natürlich birgt derlei dauernde Durchmischung und immerwährende Überblendung der Kulturen auch Risiken und Nebenwirkungen der eher ulkigen Art – wenn etwa Steuermann und Daland nächtens das Holländer-Schiff entdecken, das aber nur Fisch ist statt Schiff, Modell eines eindrucksvollen – und im übrigen recht leckeren – Flussbewohners. In den hat sich die soeben geköpfte Geliebte des Steuermanns verwandelt, wie sich unentwegt Bilder aus Bildern entwickeln. Schlingensief fackelt mit selbst gefertigten Filmen wie auch mit klassischen Sequenzenvon Man Ray, Pasolini oder dem deutschen Avantgardisten Oskar Fischinger ein Assoziationsfeuerwerk ab, das jeden überfordern muss, ihn selber eingeschlossen.

Alltag und Traum sind oft ununterscheidbar geworden für Schlingensiefs Team – auch am Abend der Eröffnung, noch vor der Premiere, als gut 25 000 Menschen umsonst und draußen eine szenische Aufführung des Werks erlebten; auf mehrere Bühnen rund ums Opernhaus verteilt und live fürs Fernsehen. Bruchlos ging die Oper über in einen furiosen Straßenumzug voller Trommeln und Tanz und Gesang, Schlingensief und die Seinen verzaubert mittendrin.

Und dann lässt er noch eins der Flussboote ausrücken, um eine Versammlung kulturbeflissener Europäer hinüber zu schippern aus der Stadt an den Strand vom Ende der Welt: Pericatuba liegt versteckt an einem Flussarm des Rio Negro. Dort hatte Schlingensief bei der Vorbereitung auf Wagners Geisterbeschwörung einen nicht minder romantischen Beschwörungsort ganz anderer Gespenster gefunden – ein Kloster, verlassen erst seit ein paar Jahrzehnten, aber schon wieder völlig zugewuchert vom Regenwald.

Schatten, Schemen, Schamanen, wohin sich Ohr und Auge wenden – hier werden nun vier dreifach mannshohe und doppelt kuhköpfige Prozessionsfiguren des Boi-Bumba-Ritus aufgestellt und verbrannt. Wer mag noch von Oper reden, von Kunst, gar von deutscher Kulturpolitik! Mit Blick auf die Lichter der Stadt am Amazonas kommen wir Außerirdischen von sehr weit weg zurück.

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