Kultur : Im Dunst des Serails

JÖRG KÖNIGSDORF

"Den Prächtigen" nannten ihn schon die Zeitgenossen, den Osmanenherrscher Suleiman, der im 16.Jahrhundert den Machtbereich des Halbmondes bis vor die Tore Wiens ausdehnte.Schon zu Lebzeiten rankte sich üppiges Legendenwerk um den märchenhaften Mann am Bosporus, der seine Sklavin Roxelane auf den Sultaninnenthron erhob und den eigenen Sohn hinrichten ließ.Ein Leben, wie geschaffen, um daraus eine Barockoper zu machen, den orientbegeisterten Europäern des Aufklärungszeitalters das faszinierende und zugleich abschreckende Bild eines absolutistischen Despoten vor Augen zu führen.Und als Oper ein Anlaß für üppige Prachtentfaltung, die das Publikum schon vor einem Vierteljahrhundert liebte.

Von sechshundert Statisten, von Elefanten, Pferden und Kamelen berichten die Quellen über die Uraufführung von Johann Adolf Hasses "Solimano" am Dresdner Hof im Jahre 1753, ein Aufwand, von dem heutige Intendanten angesichts der chronischen Sparzwänge nur noch träumen können.Die Inszenierung von Georg Quander, dem Chef der Berliner Staatsoper Unter den Linden, und seinem Ausstatter Herbert Kapplmüller muß mit bescheideneren Mitteln auskommen und schafft es dennoch, den malerischen, in seinen Licht- und Atmosphärewechseln geheimnisvoll schillernden Orient auf die Bühne zu bringen.

Die gängigen Mittel des Regietheaters, die Trenchcoats und Tarnanzüge, seien für Barockopern nicht angemessen, hatte Quander schon anläßlich der eigentlichen Premiere der Ausgrabung im August 1997 in Innsbruck erklärt.Seine "Solimano"-Inszenierung setzt schon mit dem locker bemalten Bühnenvorhang, auf den ein halbmondbekröntes Prunkzelt gemalt ist, die Zeichen für jenen moderaten Historismus, der die meisten Barock-Ausgrabungen der Staatsoper kennzeichnet.Die Würdenträger an Suleimans-Solimanos Hof sehen aus, als seien sie direkt den Holzschnitten entstiegen, die der Dithmarscher Melchior Lorck im sechzehnten Jahrhundert vom Türkenhof lieferte.Prächtig anzuschauen sind sie in ihren wallenden Kaftanen und hohen Turbanen, so recht zur klingelnden Janitscharenmusik passend, die Hasse für die beiden großen Chorauftritte im ersten und dritten Akt schreibt.An der Bühnenrückwand schafft eine historische Panorama-Ansicht des Hafens von Konstantinopel weiten Horizont, inmitten des jubelsingenden Chores ein leichter Thronbaldachin mit dem mißtrauisch vor sich hinbrütenden Despoten darunter.

Die dekorativen Bilder, die Herbert Kapplmüller findet, gliedern die drei langen Akte in atmosphärisch kontrastierende Szenen: Eine dunstverhangene Badehausszene mit beschaulich plätscherndem Springbrunnen und barbusigen Odalisken, ein barockisierendes Prinzenzimmer mit kunstreich geschnitztem Bodenschachspiel oder eine luftige Terrasse schaffen da optische Abwechslung, wo die Strenge des musikalischen Aufbaus mit seiner schlichten Reihung von Da-capo-Arien als Monotonie empfunden werden könnte.Nur selten läßt sich Quander hinreißen, die emblematische Bildsprache der Arien wörtlich umzusetzen.Etwa in der großen Schiffbruchsarie - ein barocker Topos - des zweiten Aktes, in der die persische Prinzessin Narsea das unglückliche Schicksal ihrer Liebe zum Sultanssohn Selimo beklagt.Da rauscht plötzlich der rückwärtige Bühnenprospekt herunter und gibt den Blick auf einen Schiffsmast frei, an den sich die Primadonna in einem Nebel von Trockeneis klammern muß.Doch solche Einfälle bleiben Ausnahme, zum Großteil beschränkt sich die Regie darauf, das Drama mit konventioneller, detailgenauer Personenregie nachzuerzählen.

Das funktioniert, weil das Libretto des Giannambrogio Migliavacca qualitativ weit über den üblichen, vor Unwahrscheinlichkeiten strotzenden Dutzendtexten der Zeit steht.Da scheint der Willkürherrscher Solimano, der die Liebe seiner Söhne Selimo und Osmino zu den gefangenen persischen Prinzessinnen Narsea und Emira durchkreuzt, wie ein Vorfahr von Mozarts Idomeneo, kreuzen sich im Drama Absolutismuskritik und Generationenkonflikt.Um das lieto fine freilich kam auch Migliavacca nicht herum: Dem Todesurteil, das Solimano über seinen Sohn Selimo spricht, fällt ein Sklave zum Opfer - der gerettete Sohn kann dem reuegeplagten Vater verzeihen und seine Geliebte heimführen.

Die kunstvoll gedrechselten Arien, mit denen Hasse die - ohnehin in den Rezitativen vor sich gehende - Handlung garniert, haben, anders als später bei Gluck oder Mozart, noch wenig expressiven Eigencharakter, so sehr sich René Jacobs und das Concerto Köln im Orchestergraben auch mühen, mit energischem Aufstampfen in den Arienritornellen und farbig auskolorierten Rezitativen aus den galanten Klängen dramatische Funken zu schlagen.Ausdrucksträger sind hier allein die Sänger, die ihren Verzierungen erst Richtung und Charakter verleihen.Das schaffen am Premierenabend vor allem zwei: der Tenor Thomas Randle als aufbrausender Sultan und die Französin Vivica Genaux als edelmütiger Selimo.Wenn Solimano im dritten Akt seine Schuld an der vermeintlichen Katastrophe erkennt, klingen die zuvor noch so grollend herausgeschleuderten Koloraturen mit einem Male verstört, steht der starke Herrscher an der Schwelle des Wahns.Genaux ist ihm ein ebenbürtiger Widerpart: Die schwindelerregende Virtuosität dieses Kastratenparts wird ihr nie zum Selbstzweck, ihrem klangvollen Mezzosopran kann sie die Farben für zärtliche Liebesklagen genauso abgewinnen wie die auftrumpfende Gebärde der krönenden Schlußarie des ersten Aktes.Die übrigen erreichen dieses Idealniveau nicht ganz, singen sorgfältig, ohne damit in den Arien Emotionen vermitteln zu können.Für die Berliner Aufführungen hatte man die von Hasse vorgesehenen Originalstimmlagen restauriert und damit allein vier Sopranrollen zu besetzen.Den treuen Berater Acomate hatte man dem Sopranisten Richard Crowe anvertraut, dessen knabensopranhaftes Timbre markant vom verbleibenden Damentrio absticht.Unter denen profiliert sich nicht die eigentliche Primadonna Ana Camelia Stefanescu als Narsea, sondern ihre Bühnenschwester Graciela Oddone mit stärkerer Stimmsubstanz.Das Ensemble ergänzen adäquat der Osmino von Francesca Provvisionato und der Brite Christopher Maltman in der Schurkenrolle des Wesirs Rusteno.

Keine spektakuläre Ausgrabung mithin, aber ein Beweis dafür, daß es für viereinhalb Stunden gute Oper nicht unbedingt ein Walküren-"Hojotoho" braucht.

Wieder am 9., 11., 13., 16.und 18.2.

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