Kultur : Im Dunstkreis

CHRISTINA TILMANN

Anmachen, anbaggern, einwickeln, herummachen, hobeln, nageln, vögeln, ficken.1921, als Arthur Schnitzler mit seinem "Bordellstück" "Liebelei" einen Theaterskandal in Wien entfachte, ersetzte er die Worte durch Striche.Dafür kommen in jeder seiner zwölf Szenen die Paare zur Sache.75 Jahre später liegt der Skandal anderswo.Vier Autoren aus Großbritannien, darunter der in Deutschland bekannte Mark Ravenhill, haben mit "Sleeping around" Schnitzlers "Reigen" adaptiert, und siehe: Nicht, daß die Paare zur Sache kommen, erschreckt, sondern: daß sie kaum je zur Sache kommen.

Das Gastspiel der Paines Plough Company aus London in der Baracke des Deutschen Theaters bestätigt das Bild einer lost generation, das Ostermeier und Ravenhill an diesem Ort schon mit "Shoppen und ficken" gezeichnet hatten."Sleeping around" ("Herumvögeln"), das Motto allgemeiner erotischer Verfügbarkeit, führt gerade zum Gegenteil absoluter Null-Erotik..Eine Marketingdirektorin setzt ihren Körper ein, um einen Psychologieprofessor für ein Projekt zu gewinnen.Dieser vergewaltigt eine Studentin, um sie loszuwerden.Die Studentin demütigt einen Kunden, der tröstet eine einsame Frau.Diese ist einsam, weil ihr aidskranker Mann sie verschmäht, dafür aber mit einer anderen flirtet, die wiederum ihrer ersten Liebe nachtrauert.Der ist inzwischen mit einer Xanthippe verheiratet, die ihre Sehnsucht in Quickies stillt.Und so weiter.

Lieben, um loszuwerden oder einzustellen, um zu trösten oder zu verbergen, aus Demütigung oder Todesangst oder als immer neues Abenteuer: So gesehen, ist "sleeping around" reich an Variationsmöglichkeiten und psychologischer Vielfalt.Sophie Stanton und John Lloyd Fillingham, die unter der Regie von Vicky Featherstone alle Rollen übernommen haben, variieren geschickt durch den Wechsel zwischen Oxbridge-Englisch und Liverpool-Akzent, zwischen Champagner und Kaugummi, Stöckelschuh und Turnschuh.Auf der wie immer kaum möblierten Baracken-Bühne genügen einige Kleiderhaken, Gummireifen, Regale als Bühnenbild, sie sollten Raum lassen für die Vorstellungskraft.Dennoch wirkt das Gemeinschaftswerk formalistisch: ein Planspiel, das fast mathematisch die Formen der Begegnung durchexerziert.Was daran liegt, daß sich die vier Autoren, zwischen 25 und 35 Jahre alt, kaum aus dem Dunstkreis eigenen Erlebens entfernen.Was Schnitzlers Stück reich macht, ist die Tatsache, daß es um Liebe und mehr geht: Um Alter und die Angst vor dem Verlust, um Standesschranken und Gefahren ihrer Übertretung, um Dichtung als Gefahr für das Erleben.Von all dem ist bei dieser Generation nichts zu spüren.Eine große Woge von Angst treibt die Menschen in sinnlose Suche und macht jede Begegnung gleich unergiebig, gleich traurig.

DT-Baracke: noch heute, 16 und 20 Uhr

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