Kultur : Im Echoraum

Kent Nagano und das DSO in der Philharmonie

Christiane Peitz

Wagners „Lohengrin“-Vorspiel: ein faseriges Wolkengespinst. Ein formloses Etwas, das Konturen annimmt und sich flugs wieder dematerialisiert. Kaum Rhythmus, nur Dunstschleier, die sich ineinander schieben, verdämmern, erlöschen. Der letzte Ton zittert im zaghaften, eine Sekundenspur verspäteten Bogenstrich des Konzertmeisters nach. Miniatur über die Einsamkeit.

Kent Nagano und das Deutsche Symphonie Orchester lesen in ihren oft betörend klug komponierten Konzertprogrammen die Musikgeschichte in beide Richtungen. Wie sie Richard Strauss mit Charles Ives, Bruckner mit Wolfgang Rihm verschränkten, loten sie diesmal in der Philharmonie die Echoräume zwischen Wagner, Schönberg und Brahms aus. Schönbergs Fünf Orchesterstücke erscheinen nach „Lohengrin“ wie ein aus Wagners Vision destilliertes Kondensat. Wattebäusche statt Wolken: der musikalische Horizont aus der Perspektive eines umgedrehten Fernrohrs. Das „Tristan“-Vorspiel und „Isoldes Liebestod“ (souverän: Waltraud Meier) antworten umgekehrt auf Schönbergs Kurzpoeme: ein Nachhall von deren singendem Cello, in dem sich die Spätromantik todessehnsüchtig erschöpft. Schließlich die Synthese aus Ökonomie und Verschwendung: Brahms’ 4. Sinfonie mit ihrer Hingebung an Johann Sebastian Bach, den knappen Motiven und der überbordend sich entwickelnden Passacaglia-Variation.

Das Tolle an Nagano: Er ist immer beides. Kulinarisch und glasklar, innig und intellektuell, zärtlich und zupackend. Er spannt grandiose dynamische Bögen noch über die Konzertpause hinweg und gestaltet mit Fingerspitzengefühl jeden einzelnen Augenblick. Vor allem ist er ein Meister der Zurücknahme, des ersterbenden Ausdrucks, des Zögerns vor der Stille. Die Musiker des DSO haben die Kunst der Farbnuancierung, der pulsierenden, changierenden Klänge inzwischen derart verinnerlicht, dass Brahms wie ein lebender Organismus daherkommt. Ein Naturereignis.

Noch ein, zwei Konzerte bis zu Naganos Berlin-Finale mit der „Missa solemnis“ im Juni, dann geht er zur Bayerischen Staatsoper. Er wird weiter hier dirigieren und hat in Ingo Metzmacher einen würdigen DSO-Nachfolger. Aber fehlen wird er doch. Bei ihm träumt jeder Ton, jeder Akkord von dem, der vor ihm war und nach ihm kommen wird.

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