Kultur : Im eigenen Saft

Ein

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von Peter Laudenbach

Man kann der Berliner Volksbühne vieles vorwerfen, aber sicher nicht mangelndes Krisenbewusstsein. Probleme schön zu reden gehört nicht zu den Talenten des ExtremTheaters, lieber spitzt man sie lustvoll zu. Im Leporello des MärzSpielplans wird lässig ein Satz zitiert, der sich liest wie eine vernichtende Analyse der aktuellen Lage an Frank Castorfs schillerndem Theaterbunker. „Die Fortune von einst wird zum Problem. Denn die langjährige Monokultur hat den Boden ausgelaugt. Dagegen möchte ich mehr Ernsthaftigkeit und eine größere Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen Veränderungen des Landes. Politik ist der neue Sex.“ Uff.

Wird die Castorf-Monokultur sich selbst zum Problem? Hat sich das über ein gutes Jahrzehnt wichtigste Theater des Landes totgesiegt? Beschleicht die Helden der Avantgarde das Gefühl, schon viel zu lange im eigenen Saft zu schmoren? Das Zitat stammt übrigens von Marc Conrad, dem nach nur 100 Tagen zurückgetretenen Geschäftsführer des Privatsenders RTL. Conrad hat naturgemäß über seinen Sender, nicht über Castorfs Theater nachgedacht. Seine Grübeleien passen trotzdem verdammt gut zur Volksbühne – weil man das dort weiß, setzt VolksbühnenDramaturg Hegemann Conrads Krisenanalyse selbstironisch auf den Spielplan.

Gerade hat Stefan Bachmann nach einigen Probenwochen die Regie an einem alten Botho-Strauß-Stück („Groß und klein“) niedergelegt, jetzt proben Castorf und die Schauspieler die halbe Inszenierung irgendwie zu Ende – Premiere ist am 3. März. In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ berichtet ein mittlerweile nicht mehr an der Produktion beteiligter Schauspieler von internen Krächen und einem Brief, in dem Bachmann dem Ensemble vorwirft, so sehr auf Castorf eingeschworen zu sein, dass andere Arbeitsweisen und Theaterformen kaum eine Chance haben. Das wäre nicht weiter schlimm, hätten sich in letzter Zeit die Pleiten nicht gehäuft. Johan Simons „Zocker“, Stefan Puchers „Pratersaga“, Bierbichlers Eitelkeitsübung „Philoktet“: lauter Abstürze. Da hilft nur Schlingensiefs Überlebensparole: Scheitern als Chance!

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