Kultur : Im Eisregen

Wie ich einmal den Atlantik überquerte / Von Christopher Isherwood

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Als junger Mensch wohnte auch ich in London, nur um es zu verlassen und oft zurück zu kommen. Doch ich glaube, dass mir von diesen Reisen nur eine einzige lebhaft und lebenslang im Gedächtnis bleiben wird: meine erste Wiederkehr aus den Vereinigten Staaten Anfang 1947. England hatte ich acht Jahre lang nicht gesehen, fast auf den Tag genau.

Am 21. Januar, gegen Mittag, hob unser Flugzeug in New York ab. Es war beinahe dunkel, als wir Neufundland erreichten und die Schneewälder und zugefrorenen Seen umkreisten, auf Gander zu, ein winziges Funkeln von Lichtern in der Wildnis. Der transatlantische Luftverkehr hatte in jenen Tagen noch mehr von einem Abenteuer und wurde weniger elegant betrieben. Die große, kahle, weiße Wartehalle mit einem Tisch voll einfacher Erfrischungen ähnelte sehr einem Grenzposten: Hier gab es die allerletzte Tasse Kaffee und den allerletzten Keks in der westlichen Hemisphäre.

Ich schlief überhaupt nicht in jener Nacht. Nicht dass ich unangebracht nervös gewesen wäre – es war vielmehr eine Art Ehrfurcht, die mich wach hielt. Wenn man, wie ich, alt genug ist, um sich an Blériot zu erinnern – von Lindbergh ganz zu schweigen –, erscheint es einem unglaublich, dass man selber den Atlantik überquert. Ich saß an meinem kleinen Fenster mit seinen Puppenheim-Vorhängen, wiegte mich im wechselnden Rhythmus des Flugzeugs und spähte danach aus, einen flüchtigen Blick von wechselnden Sternen zu erhaschen. Bruchstücke wie Eis, die sich von den Flügeln losgelöst hatten, rasselten gegen die Scheibe.

Die Kabine war dunkel mit Ausnahme von ein paar Nadelstrahlen Lichts aus der Leselampe über meinem Kopf. Obwohl um mich herum sämtliche Sitze besetzt waren, fühlte ich mich merkwürdig allein, denn die Reise, die ich unternahm, verlief statt vorwärts im Raum rückwärts in der Zeit, und das ging niemanden an Bord außer mir etwas an.

Und dann, in blassestem Safran, in Rosa, Scharlach, in stechendem Gold – der Sonnenaufgang. Er glänzte stumpf auf unserem feuchten Metall und auf dem Wolkenfeld unter uns, das blaugrau war wie schmutziger Schnee. Wir flogen über eine arktische Luftlandschaft, auf verrückte Weise massiv, mit Terrassen, Erosionen, Tälern und großen, gerundeten, zerklüfteten Hügeln. Das Donnern unserer Motoren, das die Nacht über so laut gewesen war, schien nun zu einem leisen, besänftigenden Seufzen herabzusinken. Allmählich kamen wir tiefer. Das Flugzeug strich an dem Wolkengeschiebe entlang wie ein Motorboot, und plötzlich hatte man ein furchtbares Gefühl von Geschwindigkeit und Aufprall, als ob die Maschine mit Sicherheit in Stücke gehauen werden würde.

Wir rasten über das Geschiebe hinweg und durch es hindurch, wobei der dicke Dunst in Fetzen von unseren Propellern zurückwirbelte, sich massierte, über uns auftürmte und auf uns hereinbrach in wilden, schweigsamen Wogen. Dann sahen wir, durch einen breiten Riss, Irland – ein Land voller Moore und steiniger Felder, grün und trauervoll in den Regenschauern des Morgens, gekreuzt von der sich windenden Flussmündung des Shannon.

Aus dem Englischen von Stefan Dornuf. Die aus dem Manuskript übersetzte Miniatur erscheint hier als deutsche Erstveröffentlichung – pünktlich zum 30. Todestag von Charles Lindbergh.

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