Kultur : Im Elbtal der Nomaden

Kunstobjekt? Friedenszentrum? Die Dresdner Frauenkirche soll wieder ein Gotteshaus werden

Thomas Lackmann

Diese Vollendung nach neunjähriger Restaurierung ist ein Ereignis. 5000 Gläubige sind gekommen, am 13. November 1932. „Die Gemeinde steht unter dem überwältigenden Eindruck, dass in ihrer Kirche alles neu geworden ist,“ sagt der Landesbischof. Sie müsse der Versuchung widerstehen, aus diesem Haus „irgendetwas anderes zu machen als eine Stätte, da Gottes Wort dargeboten wird“. Es gebe auf Erden kaum Menschen ohne einen Gott, sagt in seiner Predigt Pfarrer Hugo Hahn. Der eine erwarte alles vom Geld oder vom Staat, der andere vom Volk, von seiner Partei oder von der Technik. „Erkennt, dass dies alles nur Götzen sind!“ Den Gottesdienst der Frauenkirche bestimme ein „Glaube, der das Kreuz umklammert... und die Hoffnung, die aus Erdendunkel die Hand ausstreckt nach dem ewigen Lichte von oben“. Posaunen erschallen aus der Kuppel. Zwei Monate später wird Hitler Reichskanzler.

Politisierung wird fortan die Geschichte des Gotteshauses dominieren. Hier ernennt sich ein NS-Theologe zum Landesbischof der „Deutschen Christen“. Zugleich finden hier, bis zur Ausweisung des unerschrockenen Pfarrers Hahn 1938, Gottesdienste der „Bekennenden Kirche“ statt. In den Trümmern wird 1946 noch eine Andacht abgehalten. Die Ruine wird 1965 zum antiimperialistischen Mahnmal erklärt und 1982 Treffpunkt der DDR-Friedensbewegung. Kanzler Kohl nennt die Frauenkirche im Dezember 1989 „das Symbol eines deutschen Hauses unter europäischem Dach“. Neo-Nazis vereinnahmen den Trümmerort. Die Wiedererrichtete gilt als Hoffnungs- und Versöhnungszeichen der säkularen Nachwende-Gesellschaft. Aber wird das barocke Juwel, neben vielen schlecht besuchten Gotteshäusern, in dieser Kommune der (zu 80 Prozent) Konfessionslosen als Kirche gebraucht?

Erbaut worden war sie, weil um 1720 zu viele Leute in die Kirche gingen. Durch den Zustrom Gläubiger aus Stadtrand-Dörfern drohte ihre Vorgängerin einzustürzen. Schon damals spielte Politik eine Rolle; dem lutherischen Magistrat ging es um ein konfessionelles Machtsignal, war doch Kurfürst August zur Erlangung der polnischen Krone empörenderweise katholisch geworden. Die repräsentative Marienkirche verbesserte sein Image im Vatikan, der Skyline von Elbflorenz sollte die Kuppel gut anstehen; innenpolitisch besänftigte sie den Unmut der Protestanten. Die explodierenden Baukosten wurden „von unten“ finanziert: durch die königliche Umwidmung von Spenden, die vertriebenen Salzburger Protestanten zugedacht waren, sowie durch den Verkauf von Betstühlen, Kirchplätzen, Grabstätten.

Schon vor ihrer Vollendung 1743 fungiert die Frauenkirche als Predigt,- Trau- und Begräbnis-Dom mit der Aura des antirömischen Bollwerks: „ein Fanal des Bürgertums im Stammland der Reformation“ (W. Lange, 1940). Mit der katholischen Hofkirche konkurriert sie als Konzertsaal für Sakralmusik; Richard Wagner führt hier 1843 sein „Liebesmahl der Apostel“ für 1200 Sänger auf. Pfarrkirche wird sie erst 1878. Diakonie und Kantorei werden eingerichtet, es entstehen Chor und Kinderheim, Jungmänner-, Jungmädchen-, Frauen- und Hausväterverein.

1925 werden kriegsbedingt eingeschmolzene Glocken durch neues Geläut ersetzt, die Vereine gratulieren: „Der Vierklang fiel im großen Weltensturme / Ein sinnlos Opfer in dem deutschen Leid. Mit schwerem Hammer schlug die Not der Zeiten / jahrhundertalte Bande morsch entzwei. / Man wollte auch der Kirche Grab bereiten / und glaubte sich von jeder Bindung frei. / Doch unsers Gottes eherne Gesetze / verblassten nicht vor Menschen Witz und Wahn ...“

Besucher, denen Gottes Gesetz vertraut ist, erwartet der Pfarrer der neuerstandenen Frauenkirche nur bedingt. Mit einer „Angebotskirche“ für indifferente Passanten hat Stephan Fritz in der zuerst fertig gestellten Unterkirche Erfahrungen gemacht. 500000 nahmen 2004 an Führungen teil. Fritz berichtet vom „In-die-Tiefe-Gehen“ der Krypta-Besucher, die „mit leuchtenden Augen“, als Fans des Wiederaufbaus, von dannen gingen. Künftig findet sonntags ein Gottesdienst mit Chor und eine Abendmusik mit Predigt statt, es gibt Taufen, Mittagsmusik, „Orgelnacht bei Kerzenschein“. Werktags ist bis 18 Uhr geöffnet, man lädt zu Vorträgen und, übers Unverbindliche hinaus, zum Gespräch. Für den 44-jährigen Pfarrer ist diese Kirche mit 1800 Plätzen ein Haus der mobilen Gesellschaft, „Gemeinde auf Zeit“ – kein Museum.

Dresden bedeutete, als das Elbtal christlich missioniert wurde, „Dorf der Sumpfwaldleute“. Zu DDR-Zeiten nannte man die Stadt ohne West-TV „Tal der Ahnungslosen“. Nun verweilen unterm Himmelszelt der mehrfach vollendeten Kuppel postmoderne Glaubensnomaden aus aller Welt, unterwegs nach Irgendwo.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben