Kultur : Im Fadenkreuz der Blicke

CHRISTINA TILMANN

Im Zentrum steht die kleine Prinzessin, die Infantin Margarete von Spanien: kostbar gekleidet in weißen Brokat, herausgeputzt für sicher nicht die erste Sitzung. Umringt wird sie von ihrem Hofstaat, links die Gouvernante, rechts die Zwerge, vorn der Hund. Im linken Hintergrund, vor der Leinwand, von der wir nur die Rückseite sehen, prunkvoll gekleidet und doch, Palette in der Hand, Pinsel leicht gehoben, mitten im Malprozeß, steht der Maler: Diego Velázquez.

"Las Meniñas", die "Hoffräulein", berühmtestes Bild des 17. Jahrhunderts, ist ein Rätselbild der Kunstgeschichte. Michel Foucault, der Künstler unter den französischen Philosophen, hat im Anfangskapitel der "Ordnung der Dinge" das Geflecht der Blicke beschrieben, das das Bild konstituiert und zur philosophischen Grundsatzerklärung über Subjekt und Objekt, Maler und Modell macht. Denn der Maler, der sein Modell ansehen sollte, das schräg links in seinem Blickwinkel steht, blickt statt dessen, wie alle Personen, gerade aus dem Bild hinaus und fixiert den Zuschauer. Geht der Blick des Betrachters aber geradeaus, zwischen Maler und Modell hindurch, sieht er im Hintergrund einen Spiegel. Und in dem Spiegel das Spiegelbild derer, die damals, 1656, an seinem Platz standen: Das spanische Königspaar Philipp IV. und seine zweite Frau Marianna, die der Sitzung beiwohnten, in der ihre Tochter, die Infantin Margarete, porträtiert wurde.

Doch wurde wirklich sie porträtiert? Das Bild im Bild, an dem der Maler arbeitet, sehen wir nur von hinten. Das Königspaar im Spiegel posiert jedoch repräsentativ, mit rotem Samtvorhang und in traditionellem Brustbildformat, wie man es von Herrscherporträts kennt. Könnte es sein, daß der Maler das malt, was er vor sich sieht, er und alle anderen im Bild, nämlich gerade Philipp IV. und seine Frau, die außerhalb des Bildraums stehen? Und könnte es sein, daß das Bild, vor dem wir im Prado stehen, nicht das ist, welches gerade gemalt wird, sondern nur eine Beschreibung des Malprozesses?

Und noch weiter kann man die Schraube drehen: Denn der Maler Diego Velázquez, den wir in diesem eleganten Malerfürsten im Ornat des Ordens von Santiago erkennen, malte am Ende nicht das, was er aus seinem Blickwinkel sah, nämlich Infantin oder Königspaar, sondern er malte das Bild, das das Königspaar selbst sah und seitdem jeder Betrachter. Velázquez malte "Las Meniñas" mit den Augen des Königs.

Ein selbstbewußtes Meisterstück. Krönung eines Künstlerlebens, brillante Selbstdarstellung und gleichzeitig Selbstentlarvung. Denn Velázquez, bei aller künstlerischen Genialität, war wie sein Altersgenosse Anthonys van Dyck ganz offensichtlich ein Karrierist und Höfling: anfällig für die Verlockungen durch Reichtum und Ehrbezeugungen, unterwürfig, opportunistisch, immer bereit, sich den Wünschen seines Herrn unterzuordnen. Der spanische Philosoph Ortega y Gasset, der sechs Velázquez-Gemälde im Prado kommentierte, bezeichnete den Maler als "wahrscheinlich einen der kühlsten Menschen, die gelebt haben", und entlarvt den Wunsch des Künstlers, in den Adelsstand erhoben zu werden, als treibende Kraft seines Schaffens.

1622, als 23jähriger, war Velázquez erstmals an den spanischen Hof gekommen, ein Jahr später zum Hofmaler des jungen Königs Philipp IV. avanciert. Bald schon durfte nur er noch den König und seine Familie porträtieren; mit einem Bildnis des Infanten Baltasar Carlos etwa wurde gewartet, bis Velázquez von einer Italienreise zurück war. 1643 schließlich bestellte ihn der kunstsinnige Monarch zum königlichen Hausdekorateur. Fortan hatte Velázquez für die Ausschmückung der königlichen Räume im Alcázar und im Escorial zu sorgen, für die Zusammenstellung der königlichen Gemäldesammlung und die Organisation von Feierlichkeiten und Audienzen. Einige seiner bedeutendsten Werke, etwa die "Übergabe von Breda", entstanden in dieser Funktion des Hausdekorateurs.

Ein ehrenvolles Amt, das allerdings die Produktivität des Künstlers radikal beschränkte. Nur 120 Bilder hat Velázquez in seinem Leben gemalt, davon nur ein Drittel in der Zeit zwischen 1640 und 1660. Vierzig Jahre lang, von 1622 bis zu seinem Tode 1660, hat er fast ausschließlich Philip IV. und seinen Hofstaat porträtiert: in immer neuen Variationen, zu Pferd, bei der Jagd, in Rüstung, im Krieg. Darüber hinaus entstanden eine Vielzahl von Porträts der Infantinnen und Infanten, mit Schoßhündchen, Gespielen, Zwergen, Gouvernanten: blasse, ernste Kinder in prächtigen, steifen Gewändern aus schimmerndem Brokat, ungefügen Reifröcken, aufgetürmten Haaren. Meisterwerke, was die Maltechnik angeht, die freien, großzügigen Pinselstriche, das effektvolle Spiel von Licht und Schatten, die leuchtenden, fast transparent erscheinenden Farben.

Für den Sohn niederen Landadels war es bis zum Hof ein weiter Weg. Am Beginn stand Sevilla, wo Diego Rodriguez de Silva y Velázquez heute vor 400 Jahren getauft wurde. Sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt. 1611, mit zwölf Jahren, kam der Sohn eines Portugiesen und einer Spanierin in die Werkstatt von Francisco Parecho, dem erfolgreichsten Maler in Sevilla, in dessen Haus die Künstler, Dichter und Gelehrten der Stadt verkehrten. Hier nahm der Eleve an Diskussionen über Kunst und Kunsttheorie teil und legte den Grundstein für eine umfassende humanistische Bildung. 1617 absolvierte Velázquez seine Meisterprüfung, ein Jahr später heiratete er Juana Parecho, die Tochter seines Lehrers.

Eine klassische, fast kometenhafte Karriere: in zehn Jahren vom Lehrling zum Hofmaler. Die einzigartige Begabung freilich ist schon in den ersten Genrebildern des 17jährigen, im "Wasserverkäufer" und der "Alten Frau beim Eierkochen", deutlich erkennbar. Die Eleganz und Weitläufigkeit des Hofmalers sollte die Begegnung mit Rubens, Tizian und Tintoretto in Italien bringen. Den geheimen Zweck jedoch, sich mit dem meisterhaften "Porträt Innozenz X" 1650 die Unterstützung des Vatikans bei der gewünschten Aufnahme in einen der spanischen Ritterorden zu erkaufen, erfüllte die Reise an den päpstlichen Hof nicht. Erst ein Jahr vor seinem Tod, 1659, wurde Velázquez vom König geadelt und feierlich in den Orden von Santiago aufgenommen. Das Kreuz des Santiago-Ordens, das der Künstler in "Las Meniñas" so stolz an der Brust trägt, wurde erst nachträglich, nach seinem Tod aufgemalt. Bittere Fußnote eines ehrgeizigen Lebens.

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