Kultur : Im Falle einer Falle

Opernchef Schindhelm macht Politik zum Roman

Frederik Hanssen

Sie liefen im Sturmschritt über Fußbodenbelag, auf dem Farbböen einer Ostseebrandung zuckten.

Michael Schindhelm ist eine Quadrupel-Begabung. Als Quantenphysiker und Übersetzer verdiente er in der DDR sein Geld, nach der Wende wurde er zum Kulturmanager. Vor wenigen Wochen bestellte der Berliner Senat ihn zum Generaldirektor der Berliner Opernstiftung. Jetzt legt er seinen dritten Roman vor: „Die Herausforderung“. Aus hauptstädtischer Sicht mag das autobiografisch klingen, ist aber nicht so gemeint. Der Showdown des 315-Seiten-Werks findet zwar während einer „Nathan“-Aufführung in Berlin statt, doch Schindhelms Protagonist ist ein Politiker: Sebastian Müller, SPD- Spitzenkandidat in Sachsen, ein Quereinsteiger. Studierter Orientalist. Und Wessi.

Über weite Strecken liest sich „Die Herausforderung“ wie ein Drehbuch, mit vielen Dialogen, kurzen, gegeneinander geschnitten Szenen, Ortsbeschreibungen, die wie Regieanweisungen klingen. Und dann ragen aus dem lässigen Erzählfluss plötzlich hyperaufwändig geschliffene Sätze heraus, als wären Verse zwischen die Zeilen gerutscht:

Über ihm spuckten sinkende Düsenmotoren einen heißen, rollenden Rumor aus, hinter dessen Welle die Abendstille aus den Schrebergärten herübergerissen wurde.

Leider ist „Die Herausforderung“ vor allem eine an den Leser: Langsam, ganz langsam fädelt der Autor seine Handlungsstränge zusammen, bis endlich der dramatische Knoten festgezurrt ist. Dass Schindhelm seinen Figuren stinknormale Namen gibt, um das Prototypische des Plots herauszustellen – Müllers Gegenspieler von der CDU heißt Meyer, sein persönlicher Referent Schmitt –, macht die Lektüre weder leichter noch süffiger. Lang und breit werden Ostwahlkampfthemen ausgebreitet, doch Politikersprech wird nun einmal nicht spannender dadurch, dass er im Roman auftaucht. Kurz bevor dem Leser das Kinn auf die Brust sinkt, als säße er bei einer Debatte im SPD-Kreisverband, spendiert der gerissene Autor allerdings immer wieder eine seiner verbalen Perlen:

Er sah auf die Straße hinaus, wo das Licht einer Ampel auf die Karosse eines geparkten Wagens blutete.

Ganze 200 Seiten sind abgearbeitet, wenn endlich das geschieht, was der Klappentext verspricht: Der Spitzenkandidat, sonst immer im Dienstwagen unterwegs, fährt ein Mal Straßenbahn, und wir sofort Opfer einer Teenagergang. Die Kids provozieren mit lauter Musik, ein Fahrgast erregt sich und wird niedergeschlagen. Als der Politiker eingreifen will, beschimpft ihn der marokkanische Anführer der Bande als „Judensau“. Müller, tatsächlich jüdischer Herkunft (was er aber geheim hält), verpasst ihm einen Kinnhaken. Hinterher lässt Müller verbreiten, es sei ein Diebstahlversuch gewesen – weil er verhindern will, dass Araber des Antisemitismus verdächtigt werden. Schließlich ist auch sein Stiefsohn Halbägypter. Eine Klimax, auf die man sich wirklich einlassen wollen muss.

Natürlich deckt die Presse Müllers Lüge auf. Die SPD lässt ihn fallen, worauf seine Karriere erst richtig abgeht: Er wird Kolumnist von „Le Monde“ und „New Yorker“, dreht seinen ersten Film und zieht nach London, weil er dort von Saatchi persönlich angeheuert wurde. Dann bricht die Geschichte unvermittelt ab. Eine dieser gemeißelten Sentenzen, die so angenehm im Hirn nachbeben, gibt es immerhin noch als Rausschmeißer:

Die marmorne Hand eines späten Septembernachmittags strich über den zitternden Nacken der Stadt.

Michael Schindhelm: Die Herausforderung, DVA München 2005, 315 S., 19,90 Euro

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