Kultur : Im Fleischwolf

Herbert Fritsch und die „Sabinerinnen“ am Thalia

Katrin Ullmann

Es gibt die Bürgerlichen und Außenseiter, die Professoren und Theaterkünstler, die Gutsortierten und Durchgedrehten. Sie sind gleichermaßen Gegenspieler und Katalysatoren. Kein Schwank kommt ohne diese Gruppierungen aus, auch nicht „Der Raub der Sabinerinnen“ der Brüder Franz und Paul von Schönthan von 1884. Ab 9. Dezember ist das Stück von und mit Katharina Thalbach in der Komödie am Kurfürstendamm zu sehen. Am Hamburger Thalia Theater hat es Herbert Fritsch, der Komödienkönig, auf die Bühne gebracht. Als Feuerwerk einer Horde Durchgedrehter.

Da hängt Sebastian Zimmler im Papageienkostüm kopfüber an der Vogelschaukel, wuchtet sich Gabriela Maria Schmeide als Dienstmädchen Rosa durch den weitgehend leeren Bühnenraum und bedrängt Professor Gollwitz (Matthias Leja). Dessen Tochter Marianne (Marina Galic) und Leopold (Rafael Stachowiak) fallen ständig übereinander her und ineinander hinein. Theaterdirektorenlegende Striese (Karin Neuhäuser) will Professor Gollwitz’ Schubladenstück „Der Raub der Sabinerinnen“ aufführen und dient eher als Regulativ denn als chaotisch-künstlerischer Einbruch in eine gut sortierte Bürgerlichkeit.

Fritsch will demnächst auch wieder in Berlin an der Volksbühne inszenieren; wohl etwas Ernsthaftes, wie man hört. Ihm geht es hier darum, die „totale Sinnlosigkeit darzustellen – die Kraft, Sinnlosigkeit zu leben“. Die Schauspieler lassen einem wilden, perfektionierten Aktionismus freien Lauf, springen, purzeln und fallen mit Anlauf und Trampolinschwung über und auf ein riesiges rotes Sofa, schreiten mit ausufernden Rokoko-Kostümen (Victoria Behr) und Bewegungen durch den Raum. Sie schlenkern Arme, Köpfe und Beine, als wären sie einem Bilderbogen von Wilhelm Busch entsprungen, sind laut und obszön, sinnlich und sinnfrei. Sie sind anstrengend, akrobatisch, energetisch und dauerpräsent. Sie überholen sich im Dialektgalopp von Berlinerisch über Schwäbisch bis Sächsisch.

Fritsch pfeift auf den Spannungsbogen der Geschichte. Mal erzählt er detailverliebt, mal hektisch, mal langatmig. Er wechselt ständig das Tempo. Er dreht den Zuschauer durch einen visuellen Fleischwolf, schafft furiose Gleichzeitigkeiten und flirrendes Durcheinander. Er fordert und überfordert, reizt und überreizt das Publikum. Es ist ein Abend ohne Fokus und ohne Moral, irgendwo zwischen Groteske und Kasperletheater. Ein Abend, der in seiner ganzen lebendigen Unruhe das Theater, die Schauspieler und die Kunst an sich feiert und nicht einmal beim Schlussapplaus zur Ruhe kommt. Warum auch? Das Theater geht schließlich weiter. Katrin Ullmann

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