Kultur : Im Flirtraum der Republik

Der Medienkanzler und die Künstler: Anmerkungen zu Gerhard Schröders Abschied/ Von Moritz Rinke

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1Am Anfang zieht die Macht ein in ein offenes Gesicht. Etwas Errötetes und Selbstüberraschtes liegt darin, vielleicht auch Aufbruch, auf jeden Fall noch der Schwung des Angriffs. Dann beginnt das Gesicht sich zu wandeln, es wird zufriedener und von außen so sehr mit Blitzlicht und Ergebenheit aufgehellt, bis es irgendwann so etwas wie Aura zurückstrahlt. Mittlerweile aber verwandelt sich das Angreifende von einst in die Verteidigung gegen alle und für den Machterhalt. Wie eine Kruste zieht sich etwas Jahr für Jahr und Schicht für Schicht über das Gesicht. Kruste und Aura.

Am Ende, als sich die Macht nicht mehr verteidigen lässt, scheint es, als bliebe nur noch eine Schutzhülle zurück, die jetzt keine Notwendigkeit mehr hat und von außen auch nicht mehr beatmet wird. Was dann kommt, ist ein Verfall, der in der Natur wahrscheinlich langsamer geht als in einer Medienrepublik. Das Gesicht kann noch schnell seine Memoiren mit in den Verfall einbringen, hier und da ein Untersuchungsausschuss, im schlimmsten Fall setzt es sich auf die lichtarmen Hinterbänke.

Helmut Kohl hat dies alles erlebt. In einer Gesellschaft, die sich offen gibt, aber Anerkennung fast immer noch ausschließlich über Positionen definiert, kommt nach dem Fall aus dem höchsten Amt eigentlich der Tod. Man kann sich erinnern, dass Auftritte Kohls nach seiner Abwahl Journalisten zu Mitleidsbekundungen hinriss; ich saß mal in einem Gespräch mit der „taz“, als Kohl im Restaurant Sale e Tabacchi hinter meinem Stuhl stand, ich habe mich total erschrocken, plötzlich war er da wie ein Gespenst, das das Schloss nicht verlassen kann und nachts bleich in den Ecken steht.

Auch für Gerhard Schröder beginnt heute dieses Gespensterleben gleich nach dem Zapfenstreich. Vielleicht auch nicht. Aber kann man sich das überhaupt vorstellen, Schröder im wirklichen Leben? Und vielleicht gilt die Frage ja nicht nur für Schröder, sondern auch für die ganze Medienrepublik, die sich ja gleichsam mit ihm erfand?

2Mein Gott, da wurde ja auch was geboten! März 1999, mitten in der Zigarren- und Brioni-Phase, in der Schröder aussah wie jemand, der sein Ziel erreicht hat und deshalb nicht weiß, was er jetzt eigentlich noch wollen sollte – genau da befand sich Deutschland plötzlich erstmals seit 1945 in einem Krieg. Mit Zustimmung eines grünen Außenministers, ohne Mandat der Uno! Die Intervention gegen Serbien, was bot sie den Debattenkriegern für ein herrliches Links-RechtsChaos! Schießen oder Nicht-Schießen? Regieren oder Nicht-Regieren?

Schröder und Fischer hatten nach der circa fünfmonatigen Wahlparty dann doch irgendwann gemerkt, dass Systemveränderung von links zwar ein verlockendes Ziel war für die politische Generation des Kanzlers, jedoch übernahm man die Führungsrolle ausgerechnet in einer Zeit, in der die Schemata rechtslinks irgendwie nicht mehr funktionierten. Innenpolitisch konnte man ja noch ahnen, was es heißen könnte, wenn eine rot-grüne Koalition Modernisierung und soziale Gerechtigkeit zu versöhnen hat, aber dass sich diese Kompliziertheit jetzt auch noch auf die Außenpolitik übertrug! So schnell kam Scharping aus seinem Pool mit der Gräfin gar nicht heraus, wie diese irren Fragen zu beantworten waren. Und was für Sätze dann von Sozialdemokraten: „Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt!“ Zweiter Krieg!

Oder im Inneren, was für Biografien und Geschichten! Kain und Abel – bis der eine mit Umweg am schrecklichen Haushaltsloch vorbei direkt auf seinen Balkon im Saarland flüchtet. Dr. Jekyll und Mr. Hyde – als ein ehemaliger RAF-Verteidiger die SPD zur größten Law-and-OrderPartei in der Geschichte macht bei gleichzeitigem Aufstand gegen Amerika und einer völlig durchgedrehten Justizministerin, die den dortigen Präsidenten gleich mal mit Hitler vergleicht, während der Kanzler mit ruhiger Hand in den Fluten des Hochwassers steht. Diese absurde Wahlnacht 2002! Stoiber erklärt sich zum Sieger, um Mitternacht treten Schröder und Fischer auf wie die Gebrüder Klitschko, reißen die Fäuste hoch, schließlich wird ihnen am Montag klar, dass mit dem Wahlsieg nicht zu rechnen war und es deshalb auch kein Regierungsprogramm gibt, außer der Irakfrage. Oder Hartz, dieser einstige Zaubername, jetzt irgendwie konnotiert mit einem volkseigenen Bordellbetrieb! Was für Stoffe für eine Medienrepublik!

Wenn wir das Land als ein Schiff sehen, die Welt und die wilde Globalisierung als das tobende Meer, dann waren Schröder & Fischer die leicht alkoholisierten Hochseekapitäne, die uns trotzdem das Gefühl gaben, irgendwie durch das Weltmeer hindurchzukommen. Im eigenen Hafen, okay, da fuhren sie regelmäßig die Kleinboote zu Schrott oder einmal in Manhattan frontal gegen die Freiheitsstatue ...

3 Ja, die alte Medienrepublik. Man kann sie fast als eheähnliche Beziehung zwischen den Journalisten und Schröder bezeichnen, am Anfang eine Liebesheirat, am Ende fliegendes Porzellan in der Elefantenrunde.

Ich kann mich noch erinnern, wie alle um Schröder herumstanden bei einer Lesung von Günter Grass im Kanzleramt. Erst trug der Kanzler dem Dichter ein Rotweinglas hinterher, dann mal eben Bürobesichtigung bis kurz vor’s Kanzleramtsschlafzimmer. Auf den Gesichtern der Medienvertreter lag eine total verzückte Verwirrung, die führten unentwegt ihre Kugelschreiber aus der Hose und wieder zurück, weil sie gar nicht wussten, ist das jetzt Reportage oder privates Glück. Vermutlich beides.

Und Schröder hat das bestimmt sehr oft so gemacht. Die sozialdemokratische Basis hat sein Kanzleramtsschlafzimmer nie gesehen. Schröders Sozialdemokraten waren die verzückt-verwirrten Öffentlichkeitsvertreter. Über sie, auch über die Wirtschaft oder sogar über die Kultur, nicht aber über den alten Weg der Partei oder das Parlament wurde die Legitimation von Politik vorbereitet. Dafür fühlte Schröder zu sehr aus dem Angekommensein in der gesellschaftlichen Spitze oder neuen Mitte heraus, die Currywurst und der zweite Bildungsweg waren rhetorische Basis genug. So etwas macht natürlich nur einer, der weiß, dass es ihm gar nichts nützt, grundsätzlichere oder ideologische Linien zu zeichnen, sondern dass in einer Öffentlichkeit, die im ständigen Trend und Gegentrend lebt, nur sprunghaft Tagespolitik möglich ist. So schnell aber konnte die Basis gar nicht gucken.

Doch dann, im Wahlkampf, ruderte Schröder ein letztes oder vielleicht auch zum ersten Mal zurück zur roten Basis, benutzte sie als Trend und begann, sich Kilometer weit links von seiner eigenen Agenda aufzustellen. Er führte quasi Wahlkampf gegen sich selbst, weil die Merkel außer ihrem Professor eigentlich keine Angriffsflächen bot. Schröder gegen Schröder war auch viel interessanter.

4Der Künstler Bruno Bruni hat gesagt, Schröder bereite nun seine dritte Karriere vor, seine wichtigste: die Malerei. Das kann man sich sogar vorstellen! Autodidakt war er immer, man kann auch ein Bild ständig nachbessern, und nach sieben Jahren Kanzlerschaft ist Kunstkritik gut zu ertragen.

Der Kanzler, die Künstler und Intellektuellen, was für ein Missverständnis!

Für die unionsnahen Kulturkritiker fand da die ganze Zeit so etwas statt wie Geschlechtsverkehr, mein Gott, man musste sich ja teilweise rechtfertigen für einen Besuch im Kanzleramt, als sei man im Swingerclub gewesen. Natürlich haben einige der Künstler die Nähe, die Schröder herzustellen vermochte, mit Zuwachs an eigener Bedeutung verwechselt, und da erschien manchem eine schnelle Unterschrift weitreichender als die stille, eigentliche Arbeit.

Wir waren nah dran an einem Unterschriftstellertum und zwar auch deshalb, weil die Feuilletonpolizisten alles pauschalisierten: Wer gegen den Irakkrieg war, war auch automatisch fürs Dosenpfand und die Praxisgebühr, da kamen die Knöllchen ganz automatisch. Und wie absurd das wurde. Künstler, jahrelang angemahnt, nicht politisch genug zu sein, hechteten plötzlich bei Kanzleramtsfesten, wenn Fotografen auftauchten, hinter Betonpfeiler, um ihre Kunst zu retten. In anderen Ländern werden Schriftsteller von Regierungen verschleppt und ermordet, bei uns begann man sich plötzlich vor der Sympathie der Regierung in Sicherheit zu bringen.

Schröder war auch fast allen sympathisch, das war ja das Teuflische. Seine Zugewandtheit, sein Zuhören, das in Anbetracht seiner sonstigen Probleme unglaubhaft sein musste, schien trotzdem echt. Das war entweder seine Kunst oder sein wirkliches Anliegen. Und hier fand sich alles ein. Wie erotisch das aussah, wenn alle mit den Sitzkissen der Bundesregierung auf den kleinen grauen Treppenstufen der scheußlichen SkyLobby saßen: Die Hosenbeine der Männer zogen sich hoch, die Strümpfe waren nicht lang genug und so sah man ringsum entblößte Waden, vom Kanzler bis zum Literaturpapst weiße Waden, manche versuchten immer noch die Hosen runter oder die Strümpfe hochzuziehen, dann gab man es für den Rest der Regierungsjahre auf.

Ich weiß noch, bei einer Lesung meines Stücks „Republik Vineta“, für die ich Jahre büßen musste, waren so viele bedeutende Journalisten, Politiker, Showgrößen, Sportler und Kulturinstanzen gekommen, wie ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Ich blickte auf die Treppenstufen herunter, wie auf diesen Flirtraum der Medienrepublik, alle mit nackten Waden und einander beäugelnd wie bei „Fisch sucht Fahrrad“.

Natürlich hat sich kein Mensch für mein Stück interessiert, darum ging es gar nicht. Es ging um den Kanzler. Hier, in diesem Raum, demonstrierte er seine Politikversion der Teilhabe: die Kultur verbinden mit der anschließenden Currywurst, die Currywurst verbinden mit dem lauschigen Talk über den morgigen Regierungstrend, den Regierungstrend verbinden mit der zusammenmoderierten und zu seiner Basis der neuen Mitte zusammengemanagten Medienwelt.

Vielleicht hat diese Welt sieben Jahre lang ein Stück zu weit die Wade entblößt. Vielleicht war das sogar undemokratisch. Die wirkliche Basis hat ja nie jemand kennen gelernt.

5Schröder allerdings hat im Grunde auch niemand kennen gelernt. Einen Bundeskanzler kann man gar nicht kennen lernen. Wegen der Kruste. Vielleicht später. Wenn er Gespenst wird oder endlich wirklich.

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