Kultur : Im Freien

Nachgelassene Gedichte von Gennadij Ajgi

Volker SielaffD

Felder und Wälder spielen in der Dichtung des russisch schreibenden Tschuwaschen Gennadij Ajgi eine wichtige Rolle. Wobei die Felder auch als poetische Räume zu verstehen sind, die es schreibend zu schaffen gilt. Die Dinge mit Hilfe von Sprache in ihrer Komplexität aufscheinen lassen, das ist das poetologische Programm dieses Dichter-Schamanen. Ajgi, so der Künstlername des 1934 als Gennadij Nikolajewitsch Lissin geborenen und vor drei Jahren in Moskau gestorbenen Lyrikers, kann mit „der dort“ oder „derselbe“ übersetzt werden. Lange Zeit war er nur im Westen bekannt. In seinem Land durfte er lange nicht veröffentlichen. Bisweilen konnte er seine drei Kinder kaum ernähren. Im Westen – auch in Berlin war er ein gern gesehener Gast – erhielt er wenigstens Preise.

„Immer anders auf die Erde“ ist der Titel einer von Walter Thümler besorgten und übertragenen Auswahl von Gedichten aus dem reichen Erbe Ajgis, der in diesem Jahr 75 Jahre alt geworden wäre. Thümler hat vor allem Gedichte aus den 90er Jahren bis 2006 aufgenommen, darunter auch im Original Unveröffentlichtes. Immer wieder kommen die Felder Russlands zu Titelehren: „Mitten auf dem Feld“, „Feld – ohne uns“, „Beginnend mit dem Feld“, „Vollendung des Feldes“. Im Februar 1991 wohnte Ajgi für einige Tage in Paris bei einer alleinerziehenden Mutter. Zum Abschied reichte sie ihm ein Notizbüchlein mit der Bitte, einige Worte für seine Schwester Silvia hineinzuschreiben. In 32 Minuten verfasste Ajgi 32 Einzeiler, auf jeder Seite einen. So entstand das luftige Minipoem „27. Februar 1991“.

Sicher ist, dass man Ajgi ohne seine Landschaft nicht verstehen kann: „Es gibt ozeanische Kulturen, meine Kultur hingegen, die russische, ist eine Wald- und Feld-Kultur", hat er einmal gesagt. Schon der Anordnung vieler seiner Texte auf der Buchseite mutet etwas Geographisches an. Die Zeilenlängen variieren, es gibt Gedankenstriche, Gedanken-Strich-Wörter und Auslassungspunkte, stockende rhythmische Bewegungen, Anführungszeichen. Vom Klassizismus seines Freundes Boris Pasternak ist Ajgi weit entfernt. Volker Sielaff

Gennadij Ajgi: Immer anders auf die Erde. Gedichte. Aus dem Russischen von Walter Thümler. Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2009. 182 Seiten, 19,95 €.

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