Kultur : Im Freudenhaus mit Hut

Reiner Stach präsentiert seine Kafka-Funde.

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Foto: dpa Foto: picture-alliance/ dpa
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Er gilt noch immer als tuberkulöser, skrupulöser Schmerzensmann der modernen Literatur und hat es ja als einziger Autor posthum zu einem eigenen Adjektiv gebracht: kafkaesk. Tatsächlich klingt das Wort so verquer (und strapaziert), dass es schon wieder passend sein könnte. Für allerhand Merkwürdigkeiten und Widersprüche im Kosmos des Franz K.

Dank so großer Kafkaologen wie Klaus Wagenbach („Ich bin Kafkas Witwe“) oder Hans-Georg Koch, dem Mitherausgeber der K.-Werke, wissen wir freilich auch, dass Kafka beispielsweise keine männliche Jungfrau war und sehr wohl lachen konnte und seine Literatur selber oft als komisch begriff, ähnlich wie Tschechow, der gegen seine lieber nur elegischen Interpreten anschreiben musste.

Die ganze Vielgestaltigkeit, den Reichtum des Mehrdeutigen oder Rätselhaften hat indes noch keiner so geisterhaft und geistvoll nah am Leben und Schreiben des Prager Weltautors ergründet wie der Berliner Literaturwissenschaftler Reiner Stach in den beiden ersten dicken Bänden seiner Kafka-Biographie. Und bevor irgendwann der abschließende dritte Band über Kafkas Anfänge – das ist die Pointe dieser Trilogie – erscheint, hat Stach einen großen kleinen Zwischenwurf gelandet. „Ist das Kafka?“ fragt sein jüngstes Buch und versammelt „99 Fundstücke“: Notizen, Entwürfe, Fotografien, Liebesbriefe und zeitgenössische Dokumente, die natürlich alle Kafka „sind“ oder ihn in seiner Vielfalt bezeugen und vor allem für Nicht-Insider manch überraschendes Licht auf den vermeintlichen Dunklen werfen.

Reiner Stachs Varia et Curiosa sind so auch ein Führer und Verführer, hinein ins kafkanische Vergnügen! Das geht en gros und en detail. Obwohl es kein Kolorbild von Kafka gibt, erfahren wir die Farbe seiner Augen, die seine Mitmenschen oft faszinierte. Sie waren, laut Reisepass: „dunkelblaugrau“. Oder Kafkas teils mitfühlendes, teils selbstekelndes Verhältnis zu den Frauen im Bordell, dazu ein Satz aus dem Reisetagebuch von 1911, der ein Stück vom ganzen K. enthält: „Angst davor nicht zu vergessen, den Hut nicht abzunehmen.“

Kafka als Turner, als Gast einer frühen Flugschau, als Plänemacher mit der Idee, Millionen mit Reiseführern unter dem Motto „Billig in...“ zu verdienen, sein Doppelgänger in Schöneberg uvm. – eine Kafka-Wundertüte. Peter von Becker

Reiner Stach: Ist das Kafka? 99 Fundstücke. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2012. 336 Seiten, 19,99 €. Buchpräsentation mit Reiner Stach, Roland Reuß und Sigrid Löffler am heutigen Mittwoch in Berlin-Mitte im Palais am Festungsgraben (20 Uhr).

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