Kultur : Im Füllhorn der Anekdoten

BRUNO PREISENDÖRFER

Ja, ein Jahrhundertbuch hat Günter Grass geschrieben und gemalt. Nun ist es zwar kein "Jahrhundertwerk", wie Kritiker die als "groß" benoteten Bücher gern bezeichnen. Es ist aber doch ein starkes Stück Gegenwartsliteratur. Denn inspiriert aus der Gegenwart sind sie alle, die halb, kaum oder dreiviertel fiktiven Erinnerungsgeschichten, die der Autor gewandt aneinanderreiht, aneinanderbindet - fast ein wenig wie die Zöpfe der aufständischen Boxer in China, die, ein Zopf an den andern geknotet, auf dem Platz am Chienmen-Tor in Peking erschossen worden waren. Das geschah im Jahr 1900 und ist Stoff für die erste Geschichte dieses historischen Decamerone von Günter Grass. Erzählt wird sie aus der Perspektive eines Freiwilligen, der dem deutschen Chinakorps angehörte und seiner Verlobten einen abgeschnittenen Boxerzopf als "Andenken" nach Hause schickt. In seinem Brief spart er das Abschlachten der rebellischen Chinesen in Peking feinfühlig aus.Wie alle anderen ist die Geschichte in IchForm erzählt. So auch die letzte, in der Grass seine 103jährige Mutter, die schon vier Jahrzehnte unter der Erde liegt, für eine Geburtstagsfeier ins Leben zurückbeschwört, wobei er die Gelegenheit nutzt, sich selbst, durch eben diese makaber erborgte Stimme, zu bescheinigen: "So ist er nun mal. Denkt sich die unmöglichsten Sachen aus. Muß immer übertreiben. Mag man gar nicht glauben, wenn man das liest."Oh doch, was in diesem Buch von Grass geschrieben steht, mag man alles glauben, das heißt: Man mag nicht, aber man muß. Jedenfalls geht die Übertreibung nicht zu Lasten des Dichters, sondern sie schuldet sich dem Jahrhundert selbst, das als "grausam" zu bezeichnen verharmlosend wäre.Wenn ein Schriftsteller wie Günter Grass ein Buch "Mein Jahrhundert" nennt, kann damit nur ein deutsches Jahrhundert und ein deutsches Buch gemeint sein, ein sehr deutsches Buch sogar, was hier nicht als Tadel, vielmehr ausdrücklich als Lob gemeint sei. Der schwarz-rot-goldene Faden, mit dem die Texte gewebt sind, mal straff und mit aggressiver Genauigkeit berichtend, mal eher in weiten Maschen plaudernd, ist stets an deutsche Themen geknüpft, ob es sich um sogenannte "Großereignisse" handelt, die häufig genug in Wahrheit durchaus nicht "groß" sind, um vergessene, wichtige Tage, wie etwa den des Fußballfinales zwischen Prag und Leipzig im Altonaer Stadion im Jahr 1903, oder um Geschichten von der Straße, wo der vielbeschworene "kleine Mann" anzutreffen ist mit seiner "Kreissäge", wie die gelben Strohhüte genannt wurden, die in der Geschichte auf das Jahr 1902 die Haupt- und Heldenrolle spielen.Also einhundertmal alles und nichts, einhundert artig und gekonnt wie am Schnürchen hererzählte Geschichten? Ein Potpourri? Ein Kaleidoskop? Ein Stubenfeuerwerk aus "piècen", Lesekonfetti für den gehobenen Sonntagnachmittag? Dergleichen kann man sagen über dieses Buch. Aber die Assoziation mit sammeltassenhaft abgespreiztem kleinen Finger, die solche Charakterisierung hervorruft, wird dem Buch, obwohl es eben eine Sammlung ist, nicht gerecht. Es ist mehr - vor allem, weil es weniger ist: weniger, viel weniger schwadronierend als seinerzeit - nomen erat omen - "Ein weites Feld", das selbst geneigtesten Lesern Geduldsfolter zumutete.Natürlich gibt es auch in diesem Band Geduldsproben, nicht zufällig diejenige für das Datum "1994", geschrieben aus der Perspektive der Treuhandchefin Birgit Breuel. Es ist die zweitschlechteste Geschichte des Bandes. Die schlechteste folgt ihr sogleich auf dem Fuß, "1995" ist der "Love Parade" gewidmet - schweigen wir dazu. Aber diese Geduldsproben sind kurz, wie alle Grass-Geschichten hier kurz und ungefähr gleich lang sind.So akkurat abgezirkelt aber sind die Maße der einzelnen Geschichten, so breit der Katalog der Themen und so variantenreich die Form! Da gibt es Monologe, Dialoge, Briefe und Leserbriefe (etwa an den "Lieben Peter Panter", eines der Pseudonyme von Tucholsky, im Jahr 1921). Man findet Miniaturen, er- und aufgefundene Bekenntnisse, Fabeln und andere Gleichnisse, Pillenromane und "Short Stories on History", wenn es erlaubt ist, diese Nicht-Gattung als Bezeichnung für die Wahrheitserinnerungen dieser Geschichte aus der Geschichte zusammenzubasteln; Wahrheitserinnerungen, die zum größeren Teil erst durch einen von Grass bestallten historischen Rechercheur gesucht und gefunden und dann vom Schriftsteller "fiktionalisiert" wurden, wie man diesen Prozeß gewöhnlich nennt. Zum kleineren Teil kommt aber auch Autobiographisches zur Sprache. Diese Epochen, etwa von 1975 bis 1977 oder von 1987 bis 1990, gehören wegen ihrer recht unverstellten Auskunftgeberei nicht zu den schönsten Perlen auf der Kette, aber sie geben dem Anekdotensucher Material. Das hat schließlich auch seine Berechtigung. Die einzige wirkliche Schwäche des Buches liegt anderswo. Sie hat vertrackterweise mit eben dem zu tun, was gleichzeitig den Reiz für die Leser ausmacht. Gemeint ist die Ich-Form, in der die Geschichten ausnahmslos erzählt werden. Verschiedenste Charaktere betreten die Bühne und widmen sich ihren Erinnerungen. Etwa der SS-Mann, der im Jahr 1934 bedauert, daß bei der Ermordung von Erich Mühsam im KZ Oranienburg nicht "sauber", nicht "diskret" genug "gearbeitet" worden sei.Da gibt es das Ich des Bordmechanikers, der 1924 gegen seine Überzeugung mithilft, einen gigantischen Zeppelin als Reparation nach New York zu verschiffen. Oder einen Ich-Erzähler, der mit Veteranen des deutschen Großjournalismus auf der Insel Sylt drei Tage mit Erinnerungen an die Jahre von 1939 bis 1945 verbringt. Dann das Ich der Schwiegertochter eines verrenteten Bankers, der 1978 sein coming out als Punk erlebt. Immer schlüpft Grass ins Rollen-Ich historisch verbürgter Personen oder nacherfundener Nebenfiguren. Und doch kommt, aller Anverwandlung im Thematischen zum Trotz, keine rechte Vielstimmungkeit zustande. Der Grass-Ton, wohltuend nüchtern diesmal und zum Aufatmen unbarock, dringt überall durch, auch dann, wenn die Erzählungen durch den Farbtopf des einen oder anderen Dialektes gezogen worden sind, etwa durch det Berlinerische, wat.Spaß beiseite. Was Grass erzählt, schöpft immer aus der Fülle, aber wie erzählt wird, das oszilliert stets in schmalem Klangspektrum. Trotz aller Formfinessen klingt eigentlich doch nur eine Stimme durch die vielen Geschichten. Dafür aber eine hinreißend mitreißende, die die Leserinnen und Leser mit ihren eigenen Geschichten vielstimmig zum Chor ergänzen mögen.

Günter Grass: Mein Jahrhundert. Steidl Verlag, Göttingen 1999. 409 Seiten. 48 Mark, mit Illustrationen 98 Mark.

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