Kultur : Im Gefängnis der Fantasie

In Venedig werden Piranesis „Carceri“ in 3 D-Animation zu begehbaren Räumen. Eine Ausstellung über das Hauptwerk des mysteriösen Künstlers

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Höllenarchitektur. Blatt 11 der „Carceri“-Radierungen von Piranesi, überarbeitet 1760. Foto: bpk/SMB, Slg. Scharf-Gerstenberg/Volker-H. Schneider
Höllenarchitektur. Blatt 11 der „Carceri“-Radierungen von Piranesi, überarbeitet 1760. Foto: bpk/SMB, Slg....Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB, Samm

Ein einziges Bauwerk hat er geschaffen, eine eher kleine Kirche in Rom, etwas abgelegen auf dem Aventin, einem fast schon ländlichen Hügel der Stadt. Gleichwohl nannte er sich stets einen „Architekten“, einen „venezianischen Architekten“, um genau zu sein, auch als er seine Ansichten Roms zeichnete und als Stichwerk veröffentlichte. Giambattista Piranesi, 1720 in Venedig geboren und 1778 in Rom verstorben, wird dennoch nicht als Architekt erinnert, sondern als ein Visionär der Architektur, als einer, der seine seherischen Fähigkeiten zu wundersamen grafischen Blättern verdichten konnte. Seine „Carceri d’invenzione“, die 16 Blätter der ungeheuerlichen „Kerker“, die ungeachtet ihrer unendlich scheinenden Weite keinen Ausgang, ja nicht einmal einen Ausblick kennen.

Über Piranesi ist viel gerätselt worden. Seit sich die englische Romantik seiner bemächtigte, gilt Piranesi als Fantast, gar als Zeichner von Fieberträumen. Thomas de Quincey rühmt ihn 1821 in seinen „Bekenntnissen eines Opiumessers“, als sei Piranesi ein Vorfahr seiner eigenen Drogensucht gewesen. Dieses Zerrbild wird immer wieder beschworen, wenn die Radierungen der „Carceri“ aus den Jahren um 1745 zur Ansicht kommen.

Die Ausstellung jedoch, die die durch ihre wissenschaftliche Sorgfalt ausgezeichnete Fondazione Cini jetzt in Venedig zeigt, verlässt die eingefahrene Spur. Sie nimmt Piranesi beim Wort: nämlich als Architekten. In einem aufwendigen Verfahren ist es gelungen, den Gang durch die Kerker, den der Blick auf die Blätter stets nur unvollständig zurücklegen kann, in einer dreidimensionalen Simulation zu vervollständigen. Projiziert in ein Holzgerüst als Vorführraum, gleitet die virtuelle Kamera die Treppen hinauf und die Stege hinüber, die Piranesi in den im Wortsinne entgrenzten Raum gestellt hat. Und sogar dem ungeübten Auge scheint mit einem Mal die These der Ausstellungskuratoren einleuchtend, dass Piranesis vermeintliche Fieberträume tatsächlich baubare Architektur darstellen. Auch wenn es eines übermächtigen römischen Kaisers bedurft hätte, solche Riesenbauten zu errichten.

Das aber ist die Wurzel der Piranesischen Phantasmagorien: das antike Rom. Bereits im Alter von 20 Jahren kommt der venezianische Steinmetzsohn in die Ewige Stadt, und mit der Anschauung der römischen Ruinen „ging die Beeinflussung seiner Fantasie durch Palladios Auffassung einer ins Ideal gedeuteten Antike Hand in Hand“, wie Norbert Miller, der emeritierte Literaturwissenschaftler der Berliner TU, in seiner bis heute grundlegenden Piranesi-Studie „Archäologie des Traums“ von 1978 schreibt. Diese idealisierte Antike hat der Venezianer im Sinn, als er ab 1743 römische Bauten aufnimmt, mit dem Höhepunkt der vierbändigen Ausgabe der „Antichità Romane“ von 1756. Es ist aber – und die jetzige Ausstellung sucht es zu verdeutlichen – keine Ruinenromantik, die Piranesi bewegt, sondern der ausdrückliche Wunsch, die Bauprinzipien der Römer zu entschlüsseln. Nicht der Verfall, sondern die Erhabenheit der Bauten hält Piranesi fest und dies eben mit dem Blick des Architekten, des Konstrukteurs, nicht des Malers wie später der Franzose Hubert Robert. Die ungewöhnlichen Perspektiven, die Piranesi wählt, sollen das Ingenium der „Alten“ vor Augen führen und die schiere Materialität ihrer Kolossalbauten. In den „Carceri“ ging er dann einen Schritt weiter. Abgelöst vom realen Vorbild, entwirft er Architektur in der äußersten Entfernung vom Bauen im Maßstab des Menschen, eben in den Kerkern, die kein Gefangener je lebend verlassen wird. Und zugleich, in deren Riesenhaftigkeit, als Unmöglichkeit, das Denkbare ins Machbare zu überführen. Piranesi sieht den „Akt des Baumeisters“ – so hat es Ivan Nagel aus Anlass des 200. Todestages geschrieben – „als die exemplarische Tat und Niederlage des Menschen“.

Das ist selbstverständlich ein moderner, aus der Erfahrung nicht zuletzt Goyas gewonnener Gedanke. Piranesi soll uns jetzt in den Räumen der Cini-Stiftung von Michele de Lucchi, dem Innengestalter unter anderem des Neuen Museums in Berlin, als Zeitgenosse, als ein Moderner nahegebracht werden. Deswegen geht es nicht, wie bislang üblich, allein um die Radierungen, sondern um „Die Künste Piranesis“, wie der Titel der Veranstaltung lautet: „Architekt, Stecher, Antiquar, Vedutist, Designer“. Von seinen selten beachteten Entwürfen kunsthandwerklicher Objekte sind sieben nach- oder vielmehr erstmals geschaffen worden, darunter Vase, Kandelaber, Kaffekanne und ein vollständiger Kamin. Letzteres dürfte Piranesis Beliebtheit bei den wohlhabenden englischen Touristen seiner Zeit enorm befördert haben. Die nunmehr dreidimensional zu bewundernden Entwürfe zeigen einen erstaunlichen Eklektizismus, mit dem Piranesi antike Elemente kombiniert, den Stil des napoleonischen Empire vorwegnehmend.

Geschäftstüchtig war der Mann, seine Stichwerke verkauften sich in ganz Europa. Die Fondazione Cini kann auf einen eigenen, vollständigen Bestand zurückgreifen. In seinem Todesjahr 1778 erschien Piranesis Werk über die griechischen Tempel von Paestum, die die Bedeutung der dorischen Architektur und ihrer Säulen würdigt, gegen Piranesis lebenslange Überzeugung von der Unübertrefflichkeit Roms. Anders, als die Kuratoren um Giuseppe Pavanello glauben machen wollen, haben sich die Anfänge des Stechers als Vedutist in diesen Blättern nicht gänzlich verloren, so dass die spätesten Arbeiten mit ihren Staffagefiguren letztlich eher verkleinernd denn vergrößernd wirken. Die „Carceri“ jedoch, die – ungeachtet ihrer Verwandtschaft zu den spätbarocken Bühnenprospekten Italiens – unvorbereitet in die Geschichte der Kunst hineinplatzen, bleiben so singulär, so unfasslich wie seit jeher.

Venedig, Fondazione Cini, Isola die San Giorgio Maggiore, bis 21. November. Katalog bei Marsilio, 34 €.

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