Kultur : Im Gefängnis

Der Heimathafen Neukölln zeigt ein Stück aus Syrien.

Stella Marie Hombach

„Und jetzt bitte direkt in die Kamera!“ Das ist die Aufforderung, mit der sich Noura an ihre Gesprächspartner wendet. Ihr Gegenüber erzählt. Von der Zeit im syrischen Gefängnis, von der Enge der Zelle, von den Albträumen, die ihn verfolgen. Schauplatz des Stücks ist die syrische Hauptstadt Damaskus im Jahr 2012. Die Menschen gehen auf die Straße. Sie protestieren gegen das Regime Assads. Noura, gespielt von Salome Dastmalchi, ist 33 Jahre alt. Sie hat kurze schwarze Haare, die Lippen sind rot geschminkt. Ihrer Familie ist regimetreu, ihr geht es finanziell gut. Trotzdem will Noura an der Revolution teilnehmen, traut sich jedoch nicht direkt auf die Straße. Deshalb greift sie zur Kamera. Sie will das Geschehen dokumentieren und redet mit den Menschen, die im Gefängnis saßen. Während der Interviews stellt sie keine Fragen.

„Und jetzt bitte direkt in die Kamera“ ist auch der Titel, den der syrische Autor Mohammad al Attar seinem Stück gab. Im Heimathafen Neukölln wird es unter der Regie von Lydia Ziemke gezeigt. In regelmäßigen Abständen übersetzt und inszeniert man hier Theaterstücke aus dem arabischen Raum. Die Reihe will Einblicke in das Lebensgefühl einer Generation geben, in eine Welt, die im Umbruch ist, in Aufruhr.

Für das Stück hat Mohammed al Attar selbst Menschen interviewt, die im syrischen Gefängnis saßen. Auf Grundlage dieser Gespräche ist der Text entstanden. Dabei stellt sich die Frage: Was bedeutet Dokumentation? Wie tragfähig sind Erinnerungen? Auch Noura wird mit diesem Zwiespalt konfrontiert. Jede Person erinnert sich anders. Das Sprechen ist kein Bericht, sondern ein Moment der Verarbeitung, der Blick in die Kamera ein Augenblick der Inszenierung. Am Ende geht es Noura nicht mehr um die Frage, was wirklich geschah. Es geht darum, was die Menschen erlebt haben. Denn oft sind sie sich selbst nicht sicher, haben Zweifel und können das Geschehene nicht einordnen. Wie Noura sind sie auf der Suche.

Diese Suche spiegelt sich in der Inszenierung wieder. Der gesamte Raum ist begehbar. Alle Figuren sind stets präsent. Sie sind wie Schatten der Erinnerung, die nicht verschwinden. Sie laufen umher, bleiben stehen, hören zu. Sie versuchen zu verstehen. Aber Folter, Schmerz und Angst lassen sich mit Logik nicht entschlüsseln. Manch einer weiß nicht einmal, weshalb er verhaftet wurde. „Ich versuche herauszufinden, was los ist“, entfährt es Noura. Ihre Lippen sind blass. Das Stück ist keine Dokumentation. Vielmehr geht es um eine Annäherung, um den Versuch, eine Haltung zu finden. Stella Marie Hombach

Weitere Termine: 6., 7. Juli, Heimathafen Neukölln, Probebühne Hasenheide 9.

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