Kultur : Im Geheimnis liegt die Kraft Pierre Boulez talkt im

Berliner Wissenschaftskolleg

Frederik Hanssen

Gerard Mortier und Peter Wapnewski waren da, sogar Imre Kertesz schaute herein; allein Thilo Sarrazin fehlte am Dienstagabend im Berliner Wissenschaftskolleg. Dabei hätte der Finanzsenator eigentlich ein gesteigertes Interesse daran haben müssen, jenen Mann kennenzulernen, der einst die Sprengung aller Opernhäuser forderte. Doch der Musiktheaterkiller des rot-roten Senats war im rappelvollen Vortragssaal nicht zu entdecken – und so wurden Pierre Boulez keine Zündeltipps abverlangt.

Die hatte der Komponist, Dirigent und streitlustige Vorkämpfer alles Neuen natürlich auch nie geben wollen. Es ging ihm in seinem legendären Aufruf vor 40 Jahren vielmehr um die Erstarrung jener Institutionen, die sich seither zumindest soweit gewandelt haben, dass sich Boulez dort inzwischen wohl fühlt (für sein Konzert mit den Berliner Philharmonikern am 1.Februar um 16 Uhr gibt es noch Karten). Die aktuelle Situation der Musikkultur kam bei dieser noblen Soiree jedoch nur am Rande vor. „Haupt- und Nebenwege der musikalischen Moderne im 20.Jahrhundert“ wollte der französische Musik-Publizist und einstige Wissenschaftskolleg-Fellow Dominique Jameux im Dialog mit seinem Landsmann erkunden. Boulez allerdings wies derlei Hierarchien zurück. Ihm sei da die Baum-Metapher näher: Wie dicke und dünne Äste fügten sich Groß- und Kleinmeister erst im Nebeneinander zur Baumkrone.

„Wie viel Geheimnis birgt ein Kunstwerk?“, das ist die Kategorie, nach der Boulez Qualität bemisst. Darum schätzt er heute Alban Berg mehr als seinen früheren Favoriten Webern, darum interessieren ihn Schönbergs vor 1920 komponierte Werke mehr als die Stücke aus der späteren neoklassizistische Phase, ebenso übrigens wie im Fall von Strawinsky. Von Jameux freundlich-eindringlich befragt, plauderte der faszinierend vitale 77-Jährige geistreich über sein Verhältnis zur „Wiener Schule“, aber auch zu Bruckner („Der ist was für die Holländer, haben wir Kompositionsstudenten immer gesagt“) und Elliott Carter („der interessanteste amerikanische Komponist“), über die späte Entdeckung Gustav Mahlers und die Verehrung seines Lehrers Messiaen für Wagner. Um in Jameux’ Klage über die Krise der E-Musik einzustimmen, dafür war Boulez an diesem Abend einfach zu gut aufgelegt. Und auch die Faulheit des Publikums mochte er nicht geißeln. Alle Verkrustungen resultierten aus mangelndem Mut der Künstler. Ihre Bringschuld sei es, für den Fortschritt einzutreten: „Ich bin Dirigent geworden, weil die Aufführungen der Wiener Schule damals in Paris so schlecht waren.“

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