Kultur : Im Geiste George Harrisons

„Concert for Bangladesh“ soll Afrika helfen

Bob Dylan hatte sich in der Toilette eingeschlossen und wollte gar nicht auf die Bühne, ein schwerer Anfall von Lampenfieber, nicht nur bei ihm. Eric Clapton wirkte abwesend, und George Harrison, der fünf Jahre lang nicht öffentlich gespielt hatte, sah aus wie der Meisterschüler des Sitar-Gurus Ravi Shankar, der ein langes, wunderbar meditatives Set spielte. Auch Ringo Starr tauchte auf und trommelte versonnen im Hintergrund.

Die versprengten All Stars gaben an jenem denkwürdigen Tag zwei Konzerte, am Nachmittag und am Abend, vor insgesamt 40 000 Besuchern. New York, Madison Square Garden, 1. August 1971: Harrison hatte einige Musikerfreunde zusammengerufen, um Geld für die Hunger leidenden Menschen in Bangladesch zu sammeln. Es war das erste Benefiz-Konzert der Rockgeschichte, Vorläufer der „Live Aid“-Aktionen von Bob Geldof in den achtziger Jahren, Bonos Live-8-Konzerten und dem von Al Gore mitinitiierten „Live Earth“ im Juli 2007.

Der historische Auftritt wurde in einem Album mit drei Langspielplatten und einem Film dokumentiert. Es liegt, man spürt es heute noch, eine seltsame Melancholie über diesen Aufnahmen. Nach der Trennung der Beatles standen erstmals immerhin zwei ehemalige Bandmitglieder wieder gemeinsam auf der Bühne, und Dylan tauchte als Überraschungsgast aus einer zweijährigen Versenkung auf. So schön und klar und traurig hat er vielleicht nie wieder live gesungen. Unplugged, lange bevor es die akustischen Konzerte bei MTV gab. Eric Clapton kämpfte mit schweren Drogenproblemen. Leon Russell sah aus wie der Leibhaftige. Einige große Kapitel der Rockgeschichte waren zu Ende, eine neue Zeit brach an.

Die Helden der Sechziger wirkten verloren. Der Ernst und die Trauer waren aber in erster Linie der Katastrophe in Bangladesch geschuldet. Dass Rockmusiker sich in dieser Form humanitär engagierten, war etwas vollkommen Neues. Nicht nur in George Harrisons Song „Bangladesch“ klang und klingt immer noch durch, dass im Madison Square Garden, vor vierzig Jahren, etwas außerhalb von Routine und Kalkül geschah, etwas Außergewöhnliches, womöglich Unwiederholbares.

Was tatsächlich für die Not leidenden Menschen bei diesen Riesenspektakeln herauskommt, ist eine andere Sache. Das „Concert for Bangladesh“ soll insgesamt rund 15 Millionen Dollar für Unicef erbracht haben. Angesichts der Hungersnot am Horn von Afrika soll nun der 2001 gestorbene George Harrison posthum helfen. Sein legendäres „Concert for Bangladesh“ wird bei iTunes angeboten, die Verkaufserlöse kommen dem „George Harrison Fond for Unicef“ und damit Ostafrika zugute. Die Botschaft des Ex-Beatles vom 1. August 1971 war einfach und blieb nicht ohne Wirkung. Damals Bangladesch, heute Somalia: „Wir können nicht wegsehen. Ich kann nicht wegsehen. Wir müssen helfen ...“ R. S.

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