Kultur : Im geistigen Reich des Widerstands

GERWIN KLINGER

Gedenkveranstaltungen gehorchen der Logik des Symbolischen. Von ihrem historischen Bezugspunkt streben sie zum höheren Sinn, zum bedeutungsvollen Rahmen, zum Mahnen, zu Verpflichtung und Verantwortung. Erkenntnissuche und historische Analyse schrumpfen dabei leicht zur beiläufigen Restgröße, zumal sie angetan sind, den verbürgten Sinnquell fragend zu stören. Genauso waren die Gewichte von Information und Symbolik 20. Juli in der Akademie der Künste verteilt. Unter dem Titel "Kultur als Waffe" begann eine Veranstaltungsreihe, die den Widerstand jener Intellektuellen würdigt, die nach 1933 gezwungen waren, ins Exil zu gehen: Es ging um die "Deutsche Akademie im Exil". Hubertus Prinz zu Löwenstein (1906 - 84) rief sie 1936 in New York ins Leben. Sein Mitarbeiter Volkmar Zühlsdorff hat ihre Geschichte jetzt in einem Zeitzeugenbericht ("Deutsche Akademie im Exil - Der vergessene Widerstand", Ernst Martin Verlag) festgehalten.Die Exilakademie war eine Art Hilfswerk für geflüchtete Intellektuelle. Mit Thomas Mann und Sigmund Freud hatte man zwei repräsentative Präsidenten gewonnen, Gelder und Förderer kamen überwiegend aus den USA und England. Bis 1940 kümmerte sie sich um Bürgschaften für Exilanten, richtete Preisausschreiben aus, vergab über Sekretariate in Wien, London und Paris Stipendien von bis zu 50 Dollar monatlich. Prinz zu Löwenstein, der dem "Zentrum" und dem "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" angehört hatte, hing der Idee an, die im Ausland lebenden Deutschen in einem "geistigen Reich" zu einen und nach dem Zusammenbruch des NS-Staates dessen "schweres Erbe" anzutreten. Jeder "mit Ausnahme der Kommunisten" sei dabei willkommen. Trotz solch scharfer Abgrenzung umfaßt die Liste der Zuwendungsempfänger bürgerlich-liberale und linke Intellektuelle gleichermaßen: Hermann Broch, Robert Musil, Anna Seghers, Günther Anders, Bertolt Brecht, Ernst Bloch, Siegfried Krakauer, Alfred Kantorowicz, Anna Seghers und Hannah Arendt.Soweit der sachliche Kern, wie ihn ein Video präsentierte, das Zühlsdorffs Bericht als Erinnerungsreise aufbereitete. Der Film endete mit Bildern von der Deutschen Einheit und der "Ode an die Freiheit" - und hatte damit die Sinnmitte des Abends erreicht: Symbolik und Bedeutung. Es gab Gesang und Klavier, Grußworte von Thüringens Ministerpräsidenten und dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden wurden verlesen, dazu Ansprachen der Mitveranstalter, darunter der Deutsche Kulturrat, PEN-Zentrum, Friedrich-Naumann-Stiftung und Aspen Institute sowie die Ehrengäste Volkmar Zühlsdorff und Helga Prinzessin zu Löwenstein. Und höchst wichtig war für diese Veranstaltung ihr Datum. Offenbar soll dem Widerstand des Exils der gleiche Status zugesprochen werden wie dem der Offiziere vom "20. Juli", der nachträglich fast zum gescheiterten Gründungsakt der Bundesrepublik avanciert ist. Eine gesteigerte Wertschätzung, die als "heutige Verpflichtung" gegenüber verfolgten Intellektuellen aufzufassen wäre, sich aber wohl auch, vielleicht, in Projekte und Stellen ummünzen ließe.Mag auch solch eine Strategie den Start dieser Reihe beeinflußt haben, sie hält sich jedenfalls nicht mit Kleinigkeiten auf: Symptomatisch präsentiert sich hier der Veranstaltungsprospekt, der "aktiven (auch militärischen) Widerstand" neben den "kulturellen Widerstand" stellt. Der Kampf mit Ideen und Worten erhält so implizit das Prädikat "passiv". Was zeigt, wie tief die Anwälte der Akademiker die Abwertung verinnerlicht haben, gegen die sie angehen wollen. Kein Wort über den Stand der "Exilforschung", etwa zu jener Ausstellung, mit der die Deutsche Bibliothek bereits 1993 die (angeblich heute vergessene) Exilakademie gewürdigt hat. Kein Gedanke zu der inneren Schwäche des Exils mit seinem Zirkelwesen und Geklüngel, das Adorno, Brecht, Tucholsky so bitter beklagten. Keine Frage nach den Widersprüchen zwischen dem Ideenhaushalt einer Arendt, eines Brecht und Bloch und dem Geist von Potsdam, dem die putschenden Offiziere mit ihren Ordnungsvorstellungen anhingen. Was früher sauber entlang der Systemgrenzen geschieden war, wandert in den gesamtdeutschen Widerstands-Topf. Oder soll all das an Folge-Abenden zur Sprache kommen? - Allerdings: Bis die mittlerweile ebenfalls auf den 20. Juli eingeschworene Bundeswehr mit den Akademikern Arm in Arm durchs Brandenburger Tor schreitet, wird es wohl noch dauern. Die Mitbürger in Uniform jedenfalls hatten, auch wo sie an diesem Abend direkt angesprochen wurden, keine Fragen zum Thema.

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