Kultur : Im Gespräch mit Yoram Kaniuk und dem realen Helden seines neuen Buchs

Amory Burchard

Wenn Israelis in diesen Tagen nach Berlin kommen, reden sie vom Wetter. Aus Tel Aviv werden 31 Grad gemeldet. In Berlin sind zwei Grad, vom Windchill-Faktor ganz zu schweigen. "Berlin ist immer etwas Besonderes für mich", sagt Yoram Kaniuk bei der Lesung seines neuen Buches im Jüdischen Gemeindehaus. "Vor zwei Monaten war es drückend heiß, und diesmal ist es furchtbar kalt. Ich hätte gerne einmal etwas dazwischen." Aus dem Munde Kaniuks, dem Autor irritierender Romane um Holocaust-Überlebende ("Adam Hundsohn" und "Der letzte Jude"), klingt das immer noch vieldeutig. Aber was das fiese Berliner Wetter betrifft, weiß Kaniuk, dass er da jetzt durch muss. Denn gemeinsam mit Yossi Harel, dem realen Helden seines jetzt auf Deutsch erschienenen Werks "Und das Meer teilte sich. Der Kommandant der Exodus" (Paul List-Verlag), ist er auf Lesereise und hat die Begleitumstände zu nehmen, wie sie kommen.

Schon zum Interview in der Hotel-Lobby kamen Kaniuk und Harel fröstelnd, aber durchaus freundlich und gesprächsbereit. Der 69-jährige Schriftsteller Kaniuk und der 80-jährige ehemalige Mossad-Agent Harel haben viele Jahre miteinander lang um ihre "Story" gerungen. Heute bilden sie ein eingespieltes Gespann. Ein bisschen erinnern die beiden älteren, vom Promotionsmarathon nach der Frankfurter Buchmesse sichtlich erschöpften Herren an Walter Matthau und Jack Lemon als "verrücktes Paar". Mit einem schrägen Lachen sagt Kaniuk: "Jetzt treten wir zusammen auf wie Max und Moritz. Aber es hat mich Jahre gekostet, ihn zum Reden zu bringen."

Harel hört mit staunenden Augen an, dass er reden und reden könne, "ohne ein persönliches Wort zu sagen." Und erinnert sich dann daran, wie Kaniuk nach den ersten fruchtlosen Interviews mit ihm schon aufgegeben hätte: "Ja, es hat ihn damals fast verrückt gemacht." Harels Sohn überredete den resignierten Dichter und den störrischen Vater, es doch noch einmal miteinander zu versuchen, damit die Enkel die Geschichte lesen könnten. Dann brach das Eis. Yossi Harel öffnete sich auch den Fragen nach seiner Gefühlswelt.

Kaniuk konnte seine Biographie über den ehemaligen Kommandanten des legendären Flüchtlingsschiffes so schreiben, wie er sie verstand: als die Geschichte eines rauen Helden der Untergrundarmee, der zum Vertrauten der Waisenkinder aus Auschwitz und Bergen Belsen wurde. Yossi Harel organisierte zwischen 1945 und 1948 auf vier Schiffen die gefährlichen Überfahrten von 15 000 Überlebenden des Holocausts. Die britischen Mandatsträger bedrängten und beschossen sie und schickten sie auf eine unmenschliche Odyssee, um ihre Einwanderung nach Palästina zu verhindern. Erst nachdem das Schicksal der Passagiere der "Exodus", die von Zypern über Haifa nach Hamburg und schließlich in ein ehemaliges KZ in Schleswig-Holstein verfrachtet wurden, um die Welt ging, ließen die Briten die Gründung des Staates Israel im Mai 1948 zu. Die Geschichten dieser Kinder, die Yossi Harel damals hörte, und ihr gemeinsamer Kampf um die Einwanderung ins Gelobte Land - das sei "die moralische Basis, auf der Israel gegründet ist und die lange vergessen und für viele von uns verloren war", sagt Yoram Kaniuk. Yossi Harel drückt es etwas einfacher aus. Durch die Begegnungen mit den Waisenkindern der Shoa sei ihm klar geworden, wofür er kämpfe. "Ich wollte ihnen geben, was sie nicht kannten: eine Banane, eine Orange, ein weißes Laken auf dem Bett. Wir mussten kämpfen, um normal zu sein."

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