Kultur : Im Glückswinkel

Labyrinth der Leidenschaften: „Die Hochzeit des Figaro“ in der Kammeroper Schloss Rheinsberg.

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Latin Lover. Alec Avedissian (Graf) und Manos Kia (Figaro, r.). Foto: Kammeroper/H. Mundt
Latin Lover. Alec Avedissian (Graf) und Manos Kia (Figaro, r.). Foto: Kammeroper/H. Mundt

Vier Jahre hat der preußische Kronprinz, bevor er Friedrich II. wurde, im Rheinsberger Schloss zugebracht – und dabei das einzige Mal in seinem Leben, wie er sagte, „während kurzer Augenblicke einen Schimmer von Glück“ kennengelernt. Eine neue Ausstellung erinnert seit Samstag daran. Was er wohl dazu gesagt hätte, dass in seinem kleinen Glückswinkel ausgerechnet „Die Hochzeit des Figaro“ aufgeführt wird, Beaumarchais Lästerstück, das die Sünden und Laster von Friedrichs Kaste, des Ancien Régime, so lustvoll zerpflückt und ausstellt?

Hätte er es verboten, wie später sein Kollege Joseph II.? Oder mit einem heiteren, bukolischen Lächeln quittiert? Wahrscheinlich Letzteres, denn den politischen Sprengstoff haben Mozart und da Ponte bei der Umwandlung zur Oper herausgenommen. Sie haben aus dem Stück ein intimes, zartes, derbes, kurz: humanes Kammerspiel gemacht.

Und als solches inszeniert es Marco Arturo Marelli jetzt als sein eigener Bühnenbildner bei der Kammeroper Schloss Rheinsberg im Heckentheater. Gekrümmte Wandelemente verschachteln die Bühne, sie schaffen die Räume, die in diesem Stück so wichtig sind, und stellen zugleich alles zu, so wie auch diese Geschichte ja unglaublich verschachtelt und verwinkelt ist. Ein Labyrinth der Leidenschaften, eine Baustelle der neuen Gesellschaft, in der alle Stände gemeinsam die Zukunft gestalten, wie sie sich Mozart im „Figaro“ erträumt.

Im zweiten Akt, wenn die Gräfin auftritt, werden die Wände umgedreht und zeigen das Fresko von Antoine Pesne, das die Decke des Spiegelsaals des Rheinsberger Schlosses ziert und eigentlich die Vertreibung der Nacht durch den Tag thematisiert. Marelli versteht es zu Recht auch als Allegorie auf den Sieg der Aufklärung. So erfasst der Schweizer Regisseur, der auch in Berlin durch stilsichere Inszenierungen überzeugt hat, mit ruhiger Hand die wichtigsten Kraftlinien des Werks.

Michael Helmrath ist diese Musik ins Blut übergegangen, er tänzelt und wiegt sich am Pult der Brandenburger Philharmoniker. Feinnervig und lebendig klingt dieser Mozart, über gelegentliche Wackler zwischen Orchester und Bühne dirigiert Helmrath souverän hinweg und nimmt sehr viel Rücksicht auf die jungen Sänger, die wie jedes Jahr durch einen internationalen Gesangswettbewerb an die Rollen gekommen sind.

Es ist ein starker Jahrgang, beeindruckend homogen. Spielerisch und sängerisch am meisten überzeugen kann die fantastische Puerto Ricanerin Celia Sotomayor: Eine zähnefletschende Marcellina, eine Schabracke, eine Hummel, die sich lustvoll aufplustert und ihren rot flammenden, tiefen Mezzo gegen alles schleudert, was ihr im Weg steht. Eine Wonne, ihr zuzusehen und zuzuhören. Manos Kia ist als Figaro ein dunkelhaariger Latin Lover mit wohligem Bariton, der seine Glutaugen verzückt aufblitzen lässt bei jeder neuen Idee, die er dem Grafen auftischen kann. Und er singt sehr textverständlich. Nicolas Brieger und Friedemann Layer haben die deutsche Neuübersetzung besorgt – nicht immer ganz glücklich: So wird hier aus Figaros „Io non impugno mai quel che non so“ (Ich bestreite nie, was ich nicht weiß) im dritten Akt ein fragwürdiges „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“.

Sarah Tuleweit strahlt als Gräfin aristokratische Aura aus, zwar hat sie nicht wirklich eine schöne Stimme – arg scharf in der Höhe –, aber sie singt geschmeidig, mit wundervoll innigem Pianissimo. Carolin Löffler intoniert als Cherubino klar und präzise und macht aus ihrer Figur ein verwirrtes, wuseliges Jüngelchen, das nicht mehr weiß, wie ihm geschieht – und das dann meist eine herrliche Schnute zieht. Lindsay Funchal als Susanna: eine brasilianische Schönheit mit dunklem Haar und dunkel leuchtendem Sopran, ihr Gegenbild findet sie in Linda Hergarten als Barbarina, deren Sopran am üppigsten strömt. Der Gärtner ist bei Daniel Müller ein Säufer mit kehligem Bass, ein autoritärer Charakter, der nach oben buckelt und nach unten tritt. Alec Avedissian ist ein herrischer, verschwitzter Graf, Glenn Desmedt bringt als Basilio den hellsten Tenor des Abends mit. Der Cantus Domus Berlin hingegen singt so unscheinbar und verhuscht, dass er schlicht nicht zu hören ist.

Bruno Andrés Vargas-Scheihing hat als Bartolo unsägliches Pech. Während seiner einzigen Arie geht die Rheinsberger Feuersirene los, die direkt neben der Bühne steht – was in der Geschichte der Kammeroper noch nie passiert ist. Helmrath lässt unterbrechen, die Veranstalter sind ratlos. Aber dieser Abend ist so voller friderizianischer Glücksmomente, dass der Ärger nach ein paar Armzügen des Dirigenten schon wieder vergessen ist. Udo Badelt

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