Im Goldenen Zeitalter des Islam : Der Glanz des Kalifats

Wo früher die Metropolen der islamischen Kultur lagen, wütet heute der IS-Terror. Eine Ausstellung der Berliner Museen im arabischen Emirat Schardscha ist von brennender Aktualität.

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Das legendäre Spiral-Minarett in Samarra ist eins der letzten unzerstörten Relikte früher islamischer Kultur im Irak.
Das legendäre Spiral-Minarett in Samarra ist eins der letzten unzerstörten Relikte früher islamischer Kultur im Irak.Foto: AFP

Samarra war einst eine Stadt mit sagenhaft luxuriösen Palästen, sie zog sich über 50 Kilometer am Ufer des Tigris entlang und inspirierte mittelalterliche Reisende zu euphorischen Beschreibungen. Die Abbasiden hatten Samarra gegründet, sie beherrschten das islamische Reich von 750 bis 1258 unserer Zeitrechnung – von Nordafrika bis Zentralasien. Ihr Zentrum lag in Bagdad, man spricht vom „Goldenen Zeitalter“ der islamischen Welt. Und das galt nicht nur für die militärische Macht, sondern auch für Wissenschaft und Kultur. Hier wurden, wie im klassischen Athen, im hellenistischen Alexandria und im Italien der Renaissance die Grundlagen der zivilisierten Welt geschaffen oder erneuert: Medizin und Mathematik, Astronomie und Poesie. Heute hat in Raqqa, das gleichfalls zum abbasidischen Gebiet gehörte, der IS, der islamistische Terror sein Hauptquartier.

So gut wie nichts ist erhalten vom Bagdad der Kalifen, die Kunst und Wissen anhäuften. In Samarra im heutigen Irak aber steht noch das berühmte Spiralminarett. Es erinnert an die viele tausend Jahre alte Zikkurat-Turmarchitektur von Mesopotamien, aus dem Abraham stammte, der Urvater der Religionen der Schrift. Der deutsche Archäologe Ernst Herzfeld hat von 1911 bis 1914 in Samarra gegraben.

Es gibt 16 Museeen im Emirat. Sie werden von einer Frau geleitet

Die Berliner Museen waren immer schon in diesem uralten Kulturland aktiv. Das setzt sich bis heute fort. Im Emirat Schardscha hat jetzt die Ausstellung „Early Capitals of Islamic Culture. The Artistic Legacy of Umayyad Damascus and Abbasid Baghdad (650–950)“ eröffnet, bestückt mit 100 Artefakten aus dem Museum für Islamische Kunst Berlin. Sein Direktor Stefan Weber warnte bei der Vernissage: „All diese historischen Orte sind in extremer Gefahr. Es ist unser gemeinsames Erbe.“ Von Damaskus nach Bagdad. Es ist das riesige Gebiet, das der IS zum Teil schon unter Kontrolle hat.

Parallelwelten: Man bekommt die Bilder der IS-Gräuel nicht aus dem Kopf, wenn man in Dubai landet, einem globalen Wirtschaftszentrum, und ins benachbarte Schardscha fährt. Das drittgrößte der Arabischen Emirate hat die dreifache Fläche Berlins, aber nur ein Drittel seiner Einwohner und ein strenges Alkohol- und Drogenverbot. Aber Schardscha setzt auf Kultur. Im November ist dort Buchmesse, im Frühjahr wieder die Kunst-Biennale, die sich einen internationalen Rang erworben hat. Es gibt in Schardscha 16 (kleinere) Museen. Sie werden von Manal Ataya, einer Frau, geleitet.

Die Region muss den Verbrechen entgegentreten, die im Namen Allahs verübt werden

Anders als in Abu Dhabi, dem größten und reichsten der sieben Emirate, das mit Guggenheim- und Louvre-Dependancen Glamour einkauft, fördert Schardscha in seinen Institutionen eine nachhaltige, lokal orientierte Entwicklung. 2014 trägt das Emirat den Titel „Islamische Kulturhauptstadt“; Ähnliches kennt man aus Europa. Schardschas Oberhaupt Sultan bin Mohamed al Qasimi herrscht seit 1973. Der 73-Jährige studierte in England Geschichte und Philosophie, er schrieb historische Bücher. Die Ausstellung der „Early Capitals“ hat der Kunstsammler persönlich eröffnet, in einem umgebauten Souk, einem langgestreckten, zweistöckigen Bau mit Goldkuppel.

Berlins Staatliche Museen zu Besuch in Schardscha. Stefan Weber, Direktor des Museums für Islamische Kunst (Mitte) gibt dem Emir Auskunft über die Ausstellung. Hinter dem Emir Michael Eissenhauer, Chef der Staatlichen Museen, links der Architekt Youseff Khoury.
Berlins Staatliche Museen zu Besuch in Schardscha. Stefan Weber, Direktor des Museums für Islamische Kunst (Mitte) gibt dem Emir...Foto: Museum Sharjah

Hier wurde 2008 das Museum for Islamic Civilization eingeweiht, zur gleichen Zeit wie das prachtvolle, von I. M. Pei entworfene Museum for Islamic Art in Doha, der Hauptstadt Katars. Das Metropolitan Museum New York und der Pariser Louvre haben in jüngster Vergangenheit ihre islamischen Bereiche ausgebaut und modernisiert, und in Toronto präsentiert sich seit September ein neues Museum mit der Sammlung des Aga Khan. Es ist von großer Bedeutung, dass die islamische Welt aus der Rolle des Opfers herauskommt – und den Verbrechern entgegentritt, die im Namen Allahs köpfen und steinigen.

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