Kultur : Im grellen Licht

George Grosz’ Nachlassverwalter fordert ein Bild des Malers von der Villa Grisebach zurück

Michaela Nolte

Schon im April ist die Villa Grisebach durch Restitutionsforderungen der Erben des Dresdener Bankdirektors Victor von Klemperer in die Schlagzeilen geraten (s. Tagesspiegel vom 12. April). Nun legt Ralph Jentsch, Nachlassverwalter des Erbes von George Grosz, in einem „offenen Brief“ mit neuen Vorwürfen gegen das Berliner Auktionshaus nach.

Am 30. Mai wurde in der Villa Grisebach Grosz’ „Kellerassel (Der blinde Bettler)“ versteigert. Einlieferer des Ölbilds von 1931 war der Stuttgarter Unternehmer Rolf Deyhle. Jentsch, der seit 1988 an einem Werkverzeichnis über Grosz arbeitet, zieht dessen Eigentumsrecht in Zweifel und fordert, den Verkauf rückgängig zu machen. Dabei beruft er sich auf eigene Recherchen. In seiner jüngst erschienenen Publikation „Alfred Flechtheim und George Grosz“ hat der Autor ein weiteres dunkles Kapitel des Kunsthandels während der NS-Zeit offengelegt. Kernstück sind Grosz’ Werke, die nach dem Tod Flechtheims 1938 in Amsterdam versteigert wurden. Flechtheim hatte sie als Kommissionsware dem Galeristen Carel van Lier anvertraut; der aber fungierte auf derselben Auktion, zu der er den „Nachlass Alfred Flechtheim“ eingeliefert hatte, zugleich als Käufer.

Zum Konvolut gehörte auch die bei Grisebach versteigerte „Kellerassel“, die 2007 schon einmal angeboten wurde. Nach der Intervention von Ralph Jentsch zog das Auktionshaus das Gemälde jedoch zurück und drängte laut Geschäftsführer Bernd Schultz auf die Klärung der Eigentumsverhältnisse. Sie folgte noch im selben Jahr beim Landgericht Stuttgart – zugunsten Deyhles. „Nach dem Urteil hatte uns auch unser Justiziar Peter Raue versichert, dass ein Verkauf eindeutig rechtmäßig ist. Wir haben natürlich nach einer einvernehmlichen Einigung zwischen dem Eigentümer und Herrn Jentsch gesucht“, erklärt Schultz. Der Nachlassverwalter hatte zunächst 30 000 Euro „Finderlohn“ geboten. Deyhles Forderung war doppelt so hoch. Jentsch glaubt nun, dass das Auktionshaus den Eigentümer erst dazu gebracht habe, „auf einem Verkauf des Bildes in der Auktion zu bestehen“, weil es mit einem weit höheren Erlös rechnete. Schultz weist diesen Vorwurf zurück: „Herr Deyhle hatte das Bild für 60 000 Euro bis sechs Wochen vor der Auktion für Herrn Jentsch reserviert. Diese Frist hat er verstreichen lassen und wollte dann am Tag vor der Auktion doch noch einwilligen. Nach allem Hin und Her bestand der Einlieferer darauf, dass wir das Bild auf der Auktion versteigern.“

Das Auktionsergebnis, inklusive Aufgeld immerhin 285 600 Euro, habe ihn selbst überrascht. Nicht zuletzt angesichts dieses Preises fährt Jentschs Rechtsanwalt Stefan Schlaegel in einem Brief an Schultz noch einmal scharfes Geschütz auf: „Die Bemerkung in Ihrem Katalog, laut rechtskräftigem Urteil des Landgerichts Stuttgart vom 27.07.2007 sei das Gemälde im rechtmäßigen Eigentum des Einlieferers, war falsch, und zwar so falsch, dass man bereits sagen kann, es war die Unwahrheit.“

In jenem Urteil wird die Klage auf Herausgabe des Bildes jedoch abgewiesen. Das Gericht sah das Gemälde nicht als „Gegenstand von Raub- und Beutekunst“ an und gab Deyhles Gegenantrag auf Unterlassung der Behauptung statt, das Bild sei Eigentum der Erben. In einem Berufungsverfahren wurde später ein Vergleich zwischen den Parteien erzielt, das Urteil jedoch aufrechterhalten. Unabhängig von dieser Rechtslage hinterlässt der nun öffentliche Schlagabtausch allerdings einen unguten Eindruck, weil sich moralische mit monetären Interessen verquicken. Grosz’ blinder Bettler hält derweil seinen leeren Hut auf.

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