Kultur : Im großen Brockhaus

Lustmarsch durch Berlin: Bazon Brock erklärt in der Volksbühne seine Welt

Daniel Völzke

Noch 25 Jahre, vielleicht auch 30, der Professor ist sich unsicher. Bald aber werde es so weit sein: Die Muftis werden in Europa ihren Gottesstaat errichten. Bazon Brock, Redeberserker und Professor emeritus für Ästhetik in Wuppertal, interessiert nur noch, wie wir uns dann präsentieren. Kalifatfolgeforschung sozusagen. „Wir sind verpflichtet, gute Unterlegene zu sein!“, donnert er ins Foyer der Berliner Volksbühne, und das lange, graue Haar fällt ihm in die Stirn. Kultursenator Thomas Flierl, der eben noch Brock fröhlich in der „Stadt des Dada“ begrüßte, lächelt nicht mehr.

Wehe, die kriegerischen Muslime träfen auf geschichtsvergessene Europäer! Bazon Brock wird deshalb zum Missionar und tourt anlässlich seines 70. Geburtstags durch elf Museen, richtet dort sein Wohnzimmer als Weltmodell ein und erklärt daran und darin, was war, ist und kommt. Auch in der Hauptstadt hat er gemeinsam mit der Galerie Contemporary Fine Arts seinen Parcours aufgebaut. Das Sternfoyer des Theaters – die Galerie in Mitte erwies sich als zu klein – hat er in eine Wunderkammer verwandelt: Hier gibt es den Wein „Stalin Rosso“, Busenprothesen, Neo-Rauch-Bilder, Penck-Malerei, eine Winfried-Baumann-Müllkathedrale, einen Sarkophag zum Probeliegen, eine komplette Einrichtung einer Schwabinger Wohnstube um 1904, überdimensionierte Toblerone- Modelle, Schlipse und einen riesigen Laufstall. Alles ist gleich wichtig im Großen Brockhaus. Die Dinge sollen „Wahrnehmungsveranlasser“ und „Brecht’sche Lehrmittel“ sein – und sind doch kaum mehr als Steine im Bach, an denen der Brock’sche Redefluss vorüberrauscht. Auch ein Weinglas, dem Emeritus gereicht, wird flugs eingebaut in den gelehrigen Schwall; Stichworte: Abendmahl, George-Kreis und Inkarnation. Prost!

Auf hohen Gummisohlen quietscht der „Wundergreis“ (Brock über Brock) über den Marmor aus Hitlers Reichskanzlei, mit dem die Volksbühne angeblich ausgelegt ist: ein dreistündiger „Lustmarsch durchs Theoriegelände“, ein Passionsweg in elf Stationen, eine Archäologie des Wissens. Jürgen Johannes Hermann Brock, wie der Meister mit bürgerlichem Namen heißt, hat den durch einen Lehrer gegebenen Beinamen Bazon, griechisch für „Schwätzer“, angenommen. Immer wollte er ein „Künstler ohne Werk“ sein – und wurde ein Redner ohne Pause. Er machte Performances mit Beuys und Nam June Paik, empfahl sich dem Frankfurter Zoo als „denkendes Säugetier, sehr selten“, cremte einen Globus ein, um die Welt zu heilen. Er hat nachfolgende Remmidemmi-Künstler entschieden beeinflusst, Schlingensief nennt Brock zärtlich „Papa“.

Was aber vor allem bleibt, ist Bazon Brocks ungeheuerliche Rhetorik, die er auch hier in der Volksbühne entfesselt. Assoziativ springt er herauf, herab und quer und krumm, stets eine große Übererzählung in Aussicht stellend, die alle Fäden zusammenführt. Er schleust seine Zuhörer zwischen Alltagsethnologie und Kunstgeschichte hindurch, von den Schlümpfen mit den phrygischen Mützen über den ersten Faschisten, den biblischen Abraham, zum Tugendterror der Jakobiner. Brock wird ausfallend, etwa gegen „diesen peinlichen Grass“, und schwebt dann wieder sanft über den Dingen. Die Zuhörer hocken auf Bierkästen, lauschen, grinsen, stieren vor sich hin und ertragen alle Schurigelei („Das kennt ihr wieder nicht“).

So auf Tuchfühlung mit dem Genius, wird es anstrengend. Eitel ist er, sicher, doch halb karikiert er nur den Gelehrtengestus. Und hinter dem autoritären Gewese versteckt sich Humanismus: Brock ist leidenschaftlicher Agent einer „Weltmenschheit“, wie Goethe es nannte. Gegen die Kulturen, Religionen und den Kapitalismus setzt Brock eine strikt säkulare, diesseitige Vernunft, wie er sie in der Kunst findet. Nach dem Lustmarsch, der sich auf elf Tage erstreckt und den Titel „Eine schwere Entdeutschung“ trägt, sei der Zuhörer gefeit gegen Fundamentalismen, Tautologien, kulturelle und nationale Differenzen und Sinnentleerungen konsumistischer Art, verspricht Brock, der schon in den siebziger Jahren gegen „Gottsucherbanden“ jeglicher Couleur anwetterte. Die zivilisatorische Sphäre präsentiert in seiner Ausstellung ausgerechnet ein Wohnzimmer der fünfziger Jahre, in dem die Deutschen sich zwischen Fernsehkommode und Tütenlampe den verdammenswerten, weil kriegerischen, kulturellen Ideen entzog.

Dadurch dass Bazon Brock den Westen von seinem Ende her betrachtet, werden die Dinge der kleinbürgerlichen Gemütlichkeit zu Grabbeigaben, erhalten sentimentalen Glanz: die Kleiderbürste, der Butterkamm, die Pantoffel. Auch Brocks Leben und das Wirken seiner Generation erscheinen noch einmal in einem anderen Licht. Irgendwann kommt er auf die zerstörerischen USA zu sprechen und erklärt, dass sie ihren Bedeutungsverlust objektivieren, indem sie alle mit in den Untergang ziehen. Brocks Apokalypse-Fantasien wirken ähnlich.

Weitere Lustmärsche im Sternfoyer der Volksbühne bis 11. 9. jeweils 16 Uhr, am 12. 9. am Anhalter Bahnhof, am 13. 9. vor der Volksbühne. Weitere Stationen in Leipzig, Pfäffikon und Hamburg.

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