Kultur : Im Herbst

Bayerische Staatsoper: Die Gruberova ist „Norma“

Christine Lemke-Matwey

Es halten sich Stücke hartnäckig im Opernrepertoire, deren Qualität zweifelhaft ist. Bellinis „Norma“ ist so ein Fall. Krieg, Druidenzauber, zwei Frauen, ein Mann – fertig ist das Reißbrettdrama. Am Ende, nach viel lauthalsem Rachegeschrei, nimmt Norma, die Betrogene, alle Schuld auf sich und steigt aufs Schafott.

Musikalisch ist Bellini nicht allzu viel eingefallen, und wenn Richard Wagner seine „klare Linie“ lobt, den „einfachen edlen und schönen Gesang“, dann nimmt Friedrich Haider dies am Pult des Bayerischen Staatsorchesters leider recht wörtlich. Statt die Einfalt auszureizen, statt die Oberfläche auf Hochglanz zu polieren, sucht er nach dem Sinn. Prompt klingt alles wie zu kurz gekommen, wie mit der Wünschelrute komponiert und x-fach verdünnt – mit Ausnahmen.

Die Duette Norma-Adalgisa beispielsweise rühren durchaus an, atmen Bescheidenheit, ja Tiefe. Und Sonia Ganassi in der Rolle der unfreiwilligen Nebenbuhlerin macht ihre Sache auch wirklich fabelhaft, ein freier, warm strömender Mezzo von großer Authentizität. Zoran Todorovichs Polione hingegen stemmt sich mit viel Kraft und wenig Wohllaut durch die Tenorpartie.

Warum also für München dieses Stück? Wohl kaum wegen Jürgen Roses gewohnt geschmäcklerischen Regie- und Ausstattungsfantasien zwischen Asterix, Al Qaida und Abstraktion. Sondern vielmehr, um sich einer hochverdienten Sängerin zu Füßen zu legen. Edita Gruberova ist Norma, und gemessen an den Ovationen ist ihr dieses späte Rollendebüt grandios geglückt. Gewiss, „Grubis“ Piani sind nach wie vor unerreicht, ansatzlos und wie Taufäden sich in den Raum spinnend. Aber auch in den hysterischen Ausbrüchen der Druidenpriesterin hatte sie gute Momente: in den Kaskaden gleichsam entseelter Spitzentöne. Zur glaubhafteren Gestaltung aber fehlt Gruberovas Sopran nicht nur alles Dämonische, sondern vor allem die nötige dramatische Erdung. Das rächt sich gleich zu Beginn, in einem bestenfalls angesungenen „Casta diva“-Gebet: das Register unausgeglichen, die Koloraturen seifig, die Intonation höchst ungefähr. War’s die Anstrengung, war’s Einsicht: Beim Verbeugen machte Gruberova ein Gesicht, als wüsste sie, dass diese Partie ihren Sängerinnenherbst nicht lange bereichern wird.

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