Kultur : Im Herzen ein Pfeil des Leides

Eine Ausstellung über den legendären Wissenschaftler Peter Szondi im Berliner Literaturhaus

Steffen Richter

Auf den ersten Blick könnte man die Fotografien für beliebige Urlaubsbilder halten. Man muss schon genau hinschauen, um im Schatten eines italienischen Cortile die Graffiti an den Mauern zu entziffern. In denen ist von Kirche, Staat, Marx und Arbeitslosigkeit die Rede. Der Italienreisende, der den politischen Unmut als Fotograf dokumentiert, heißt Peter Szondi. Von selbst erschließt sich hier sehr wenig. Für die Ausstellung „Engführungen. Peter Szondi und die Literatur“, die von Marbach nun ins Berliner Literaturhaus gewandert ist, braucht es Geduld und die Bereitschaft zur Assoziation. Dann aber eröffnet sich ein lebendiges Panorama, in dem sich politische Zeitgeschichte, literarisches Leben und die Biografie eines solitären Literaturwissenschaftlers verschränken.

Noch heute umgibt Peter Szondi eine besondere Aura. 1929 in Budapest geboren, entgeht er mit seiner jüdischen Familie nur knapp der Ermordung in einem nationalsozialistischen Vernichtungslager und flüchtet in die Schweiz. In Zürich studiert er und promoviert sich 1954 beim renommierten Emil Staiger. Es gibt wenige germanistische Dissertationen, die wie seine „Theorie des modernen Dramas“ in kürzester Zeit kanonisch geworden sind. Nach seiner Habilitation mit dem „Versuch über das Tragische“ (1961) steht Szondi ab 1965 dem neu gegründeten Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU Berlin als Direktor vor. Im Oktober 1971 nimmt er sich im Halensee das Leben. Nur ein dezenter Hinweis auf diesen Freitod findet sich in der Ausstellung: Szondis vom Wasser aufgeweichtes Notizbuch, in dem die Namen seiner Doktoranden noch deutlich zu lesen sind.

Szondi lebt sein Leben, als folge es einem Plan: „Von meiner frühesten Kindheit an sitzt ein Pfeil des Leides in meinem Herzen. Solange er da sitzt, bin ich ironisch – wird er herausgezogen, so sterbe ich.“ Die Passage, die Szondi in seiner Ausgabe der Kierkegaardschen Tagebücher anstreicht, fungiert als Entree zur Ausstellung. Hinterm „Pfeil des Leides“ verbergen sich die traumatischen biografischen Erfahrungen. Und Ironie gilt seit der Romantik als eine Haltung, die den Widerstreit zwischen der Unendlichkeit des Ideals und der begrenzten Wirklichkeit in einer prekären Schwebe hält. Eine so verstandene Ironie verleiht dem Leben jene Form, die Szondi in seinem Denk- und Schreibstil gesucht hat. Aber sie erfordert Kraft.

Szondi hat mit seinen Kräften nicht hausgehalten. Gegen die Einfühlungsästhetik der Fünfzigerjahre setzt er schon in der „Theorie des modernen Dramas“ eine geschichtsphilosophisch grundierte Gattungstheorie. In Frontstellung zu Gadamers philosophischer Hermeneutik entwickelt er eine Theorie des Verstehens, die den individuellen, autonomen Text in seine Rechte einsetzt und der „Logik des Produziertseins“ Rechnung trägt. Seine geistigen Mentoren sind der frühe Georg Lukács, Theodor W. Adorno und Walter Benjamin. Adorno möchte ihn mittels eines Lehrstuhls auch räumlich an die „Frankfurter Schule“ binden, doch Szondi eröffnet eine „Filiale“ der Kritischen Theorie an der Berliner FU. Während die Germanistik beginnt, sich mit ihrer Fachgeschichte im Dritten Reich zu beschäftigen, holt der frankophile Komparatist Jean Starobinski, Pierre Bourdieu und Jacques Derrida nach Dahlem. In den Jahren der Studentenrevolte reibt sich Szondi als liberaler Professor für eine „Freie (d.h. freie) Universität“ auf und kümmert sich nebenbei um Vorhänge und die Farben der Tapeten seines Seminars. Nicht zuletzt zehrt die Freundschaft mit Paul Celan an seinen Kräften.

Celan fordert von Szondi eine klare Entscheidung für das eigene Judentum. Und er möchte in Szondi einen „Bündnispartner“ gewinnen, sagt Christoph König, der Kurator der Ausstellung ist, ihren Katalog (Marbacher Magazin 108) verfasst hat und in diesem Herbst den Briefwechsel der beiden herausgibt. Szondi soll die Deutschen lehren, die Konkreta in Celans Gedichten zu lesen und sich von den zeitüblichen, im Allgemein-Wesenhaften wabernden Interpretationen zu verabschieden.

Das alles kann man in 13 chronologisch angeordneten Vitrinen nachvollziehen. Einfach ist es nicht. Das „experimentelle“ Ausstellungskonzept, so König, soll Szondis Denkbewegungen abbilden. Das bedeutet, dass die Exponate – Typoskripte, Bücher, Briefe wie der von Ingeborg Bachmann und Fotografien von Freunden wie Alexandra Kluge oder Gershom Scholem – nicht einzeln kommentiert werden. Stattdessen liegt ein einziger Begleittext in jeder Vitrine aus. Verknüpfungsleistungen sind gefragt, will man einen Schüleraufsatz Szondis mit einem Bericht seiner Mutter aus Bergen-Belsen, einem Psychologie-Buch des Vaters, Szondis erster Theaterkritik zu Sartres „Die schmutzigen Hände“ und einem sozialrealistischen Kommentar seiner Tante Anna Seghers zu jenem Ganzen fügen, das mit „Humanismusdiskurse“ überschrieben ist. „Man muss das Brett bohren, wo es am dicksten ist“, sagt Szondi. Die Ausstellungsmacher sind dabei hinter den Ansprüchen ihres Gegenstandes nicht zurückgeblieben.

Literaturhaus Berlin, bis 26. Juni, täglich 14–19 Uhr (Führung auf Anmeldung)

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