Kultur : Im Hochsicherheitstrakt

Labyrinth der Gegenwart: Vor einem Jahr eröffnete das Jüdische Museum Berlin

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Von Thomas Lackmann

Die Genesis dieses Museums ist beunruhigend. Geplant als Ausstellungs- und Sammlungsinstitut für Kunst und Geschichte, wurde es sofort ein Politikum. Berlins erstes Jüdisches Museum an der Oranienburger Straße eröffnete wenige Tage vor Hitlers Wahl zum Reichskanzler und schloss nach der Reichspogromnacht. Das zweite in der Kreuzberger Lindenstraße sollte nach jahrelangen Planungen und intriganten Kulturkämpfen am 11. September 2001 endlich dem Publikum übergeben werden. Der Termin platzte. Die globale Gegenwart mit ihren blutigen ideologisch-ökonomischen Konflikten hatte sich zu dem Haus, das nach der Formel seiner PR-Strategen Rückblicke auf „Zwei Jahrtausende Deutsch-Jüdischer Geschichte“ enthalten soll, dramatisch Eingang verschafft. Unpolitisch ist ein Jüdisches Museum in Deutschland nicht zu haben.

Seit der Publikumseröffnung am 13. September wurden die Kontrollen verschärft. Wer das Jüdische Museum Berlin (JMB) heute besucht, erfährt ein Wechselbad der Wahrnehmungen. Hinter dem Portal das Security-Programm: Leibesvisitation, Metalldetektoren, kalte Neutralität. Aufregend dagegen ist es, im obersten Ausstellungsstockwerk, nach dem Entree zum Zweitausendjahr-Parcour, neben der Computeranimation über das mittelalterliche Worms, tief in einen Void, eine der Leerstellen in Daniel Libeskinds Architektur, hinabzublicken: auf „Gefallenes Laub“, die Installation des israelischen Künstlers Kadishman, eine Halde aus rostigen Eisengesichtern. Doch diese Erregung legt sich, den Rundgang prägt vor allem die Schulbuch-Anmutung nüchterner Informationsvermittlung.

Das Team der Museumsmacher hat auf etliche Kritikpunkte, mit denen es anfangs konfrontiert wurde, reagiert und die Zahl der Objekte verringert. Routenpfeile helfen bei der Orientierung. Einige Prunkstücke, wie der Thoravorhang, den Moses Mendelssohns Frau Fromet aus ihrem Hochzeitskleid machen ließ, vermisst man (er musste zurück ins konservatorische Dunkel). Andere Fundstücke fallen neu ins Auge. Es gibt immer noch etwas zu entdecken. Doch die gewonnene Luftigkeit etlicher Räume lässt das Dürftige mancher Originalobjekte und Repliken, die Blässe der chronologischen storyline, das ästhetische Allerlei der Einrichtung dafür deutlicher zu Tage treten. Das Grundproblem der Ausstellungsdesigner, die der Kraftprobe mit Libeskinds extremem Bauwerk auswichen, indem sie dessen Strukturen rigoros überbauten, ist per Korrektur nicht zu lösen. Ihre modisch-didaktische Ausstattung wird noch schneller altern als das Mahnmal-Design des Architekten. Dennoch ist das JMB ein Erfolg: bei Nichtberlinern, die 80 Prozent der 750000 Besucher ausmachten, davon über die Hälfte unter 40 Jahre alt.

Wie entwickelt man ein Museum der Schulklassen, das der Staat als Werkstatt politisch korrekter Propaganda alimentiert, zum Forum der Stadt? Was überhaupt ist ein Jüdisches Museum? Die Identitätsfrage begleitete schon den Gründungsprozess des JMB, sie stellt sich auch seinen Schwesterinstituten. Zum Beispiel dem zweitjüngsten Jüdischen Museum der Republik in Fürth, welches Anno 2001 – während das große JMB staatsbürgerlich funktionierte – mit Provokatiönchen Skandal gemacht hat. Bei aller Verschiedenheit haben diese beiden Häuser dennoch eins gemeinsam: Distanz zur Jüdischen Gemeinde und zur jüdischen community, in der hierzulande 80000 Russen leben. Eine Aufgabe Cilly Kogelmanns, die als Stellvertreterin des JMB-Direktors Blumenthal auf den neuseeländischen Projektdirektor Ken Gorbey folgte, wird es sein, ihr Unternehmen in die Kontraste der deutsch-jüdischen Gegenwart zu führen. In ein Berlin des Ostens, das auch viele Berliner gern ignorieren würden.

Das JMB, so planen die Erinnerungspolitiker, soll mit der Topographie des Terrors und dem künftigen Holocaust-Mahnmal ein Erinnerungs-Dreieck bilden. Aber Erinnerungen sind auf Sand gebaut. In einer Ecke des JMB zeigen vier Bilder des Künstlers Micha Ullmann Stuhlabdrücke auf verwehtem rotem Staub, Leerstellen; derweil geht Ullmanns Bücherverbrennungs-Denkmal am Berliner Bebelplatz, von Bauarbeiten bedrängt, einer ungewissen Zukunft entgegen. Kann es sein, dass die Berliner allmählich genervt sind von der amtlichen Erinnerei? Wer irritiert den JMB-Hochsicherheitstrakt betritt oder zuletzt den Ausweg aus dem Labyrinth der optimistischen Bürgererziehung verfehlt, erlebt dann doch die Gegenwart der Vergangenheit als riskantes, unübersichtliches Terrain. Das ist nicht schlecht. Geschichte beunruhigt.

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