Kultur : Im Innern des Fischauges

Bigert & Bergström in der Galerie Barbara Thumm

Elfi Kreis

Es schneit, wie in der Schüttelkugel für ein Riesenkind. Doch das Gestöber dauert nur wenige Sekunden. Einem Igluzelt gleicht die große Videokuppel, in deren Bigert & Bergström ihre zwölf Filmsequenzen von innen auf die Außenwand projizieren: zwölf Alltagsszenen, zwischen denen die verschleierten Bildsequenzen tanzender Schneeflocken wie Überblendungen funktionieren. Der Betrachter sieht immer nur einen Teilausschnitt und muss ständig in Bewegung bleiben, will er die Szenen ganz erfassen: Ein Mann schläft. Erst einige Schritte weiter entdeckt man Wecker und Nachttischlampe. Die Dinge wirken riesig, die Uhr gleicht einem Bullauge. Die Rundung der Leinwand, die Fischaugenlinse verzerrt die Szenerie wie ein Jahrmarktspiegel. Bigert & Bergström zeigen Szenen eines ganz gewöhnlichen Tagesablaufs: Ihr Protagonist rasiert sich, mal besprüht er seine Blumen, dann hantiert er mit dem Staubsauger. Grandios wird der Effekt beim Braten eines Spiegeleis: Auf der gesamten Kuppel ausgebreitet, brutzelt es riesengroß vor sich hin.

„Triviality Inverted“ - „umgestülpte Trivialität“ nennen Bigert & Bergström die Videoprojektion ihrer DVD im Videozelt (Aufl. 3, 30 000 Euro). Es ist ein Vexierspiel mit den Fragen „Wie künstlich ist die Wirklichkeit?“ und „Wie real die Kunst?“. Dabei machen sich die beiden zum Stilprinzip, das Innerste nach außen und das Äußere nach innen zu stülpen. Ihr Akteur scheint in seiner hermetischen Raumkuppel ebenso gefangen zu sein, wie in der filmischen Endlosschleife seiner banalen Aktivitäten, die sich vom Aufstehen bis zum Fernsehfeierabend in quälender Gleichförmigkeit tagtäglich immer und immer wieder vollziehen: Stillstand in serieller Wiederholung. Wir stehen vor der Installation und sehen mit der wissenschaftlichen Neugier eines Verhaltensforschers einem Exemplar der eigenen Spezies zu, in dem wir uns selbst unschwer wiedererkennen. Nur, wer ist drinnen, wer draußen? Wer frei, wer gefangen? Wer führt die wirkliche Existenz, wer die einer Fiktion? Die Grenzen werden fließend und beginnen zu verschwimmen.

Ihre inhaltlichen Forschungen zu den Absurditäten des Alltags setzen Bigert & Bergström ebenso spielerisch wie mit wissenschaftlicher Präzision im zweiten Ausstellungsteil fort. Der hintere Raum der Galerie Thumm ist zum Wartezimmer umgewandelt worden: Von der eingezogenen Büro-Decke hängen neun Kugellampen herab. Sie drehen sich langsam um ihre Achse, gleichen rotierenden Leuchtgloben. Dabei entsteht der Effekt eines Kameraschwenks durch den Raum mittels einer Fischaugenlinse. Die Lichtkugeln sind Bildträger transparenter Fotografien von Innenräumen, in denen Einzelpersonen zu erkennen sind (Aufl. 6, einzeln 2500 bis 3500 Euro, Installation 25 000 Euro). Die Lichtquellen in den Räumen wirken schwarz. Der Trick ist einfach und wirkungsvoll: Die Interieurs sind im Negativ, die darin wie schwerelos schwebenden Personen als Positiv zu sehen. Dadurch heben sie sich überaus plastisch vor ihrem Hintergrund ab. Jeder dreht seine fortlaufenden Kreisbahnen wie ein auf sich selbst zentriertes Gestirn. Jeder für sich, im Raum- und Zeitsegment der eigenen Kugel isoliert wie in einer Luftblase. Gemeinsam bilden sie einen Kosmos und können doch nie zueinander kommen.

Momente von Melancholie

Vor sechzehn Jahren begann die Zusammenarbeit der Schweden Mats Bigert und Lars Bergström. Seit die beiden 1995 von Stockholm nach Berlin zogen, hat sich ihr Schwerpunkt verlagert. Von abgeschlossenen, vom Betrachter begehbaren, physikalische Räumen – so genannte Klimakammern wie „Biosphere III“ und „Climatic Chambers I und II“ – richteten sie den Fokus auf das mentale Klima psychisch definierter Räume. Vor drei Jahren entwickelten sie zunächst kleine Videoskulpturen in 360 x 180 Grad Rundumprojektion. Absurder, abgründiger Humor kennzeichnet ihre Arbeiten, in denen immer wieder Momente von Melancholie und Resignation aufblitzen. Diese resultieren aus der in ihren Werken unausweichlichen Erkenntnis, dass es aus den zu Selbstläufern mutierten Systemen eines selbst errichteten, vermeintlichen Utopia letztendlich kein Entrinnen gibt. Modellhaft und Metaphernreich simulieren Bigert & Bergström Realität in Gestalt von Systemen, die langsam, subtil mit zunächst kaum bemerkbaren Anzeichen außer Kontrolle geraten – und die sich letztlich als von den Akteuren selbst nicht mehr steuerbar erweisen.

Galerie Barbara Thumm, Dircksenstraße 41, bis 16. November; Dienstag bis Freitag 13-19 Uhr, Sonnabend 13-18 Uhr.

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