Kultur : Im Innersten der Auster

Das Haus der Kulturen dcr Welt lässt seine Architektur von Künstlern inspizieren.

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Garten der Welt. Wang Shus „Tiles Garden“ aus Ziegeln und Holz wird aufgebaut. Foto: Judith Affolter/HKW
Garten der Welt. Wang Shus „Tiles Garden“ aus Ziegeln und Holz wird aufgebaut. Foto: Judith Affolter/HKW

Neben der Tür stehen Angela und Josef, Margaret und Kim. Als sprachlose Stängel mit üppigem Grün. Man kann sich lange überlegen, weshalb der eine gelbe Blüten treibt und ob rosa Orchideen stets nach Frauen benannt werden. Das eigentliche Rätsel bleibt ungelöst: Warum werden Pflanzen überhaupt Politikern gewidmet? Und dann ohne jede Rücksicht, ob einer Diktator oder führendes Mitglied der Tories gewesen ist und den Thatcherismus auf den Weg brachte.

Das Team um den Berliner Architekten Arno Brandlhuber hat seinen „Garten der Ideologien“ am Eingang im Haus der Kulturen der Welt (HKW) gepflanzt. Dahin, wo sonst massive Kassenhäuschen standen, die der jüngsten Rückbaumaßnahme gewichen sind: Valerie Smith, Kuratorin für Kunst, Film und digitale Medien, ließ für die jüngste Ausstellung entfernen, was sich im Lauf der Jahrzehnte an Ein- oder Umbauten angesammelt hat. Falsche Wände, Vorgeblendetes und Sichtschutz.

Zurück bleibt ein Gebäude, dem die Investorenökonomie fremd war. Feine Materialien, umbaute Luft und eine helle Freude am Wechsel von Mauerwerk und gläserner Transparenz mit Blick in den Tiergarten. Da wirkt es doppelt provokant, wenn Brandlhuber das Foyer mit seiner neu gewonnen Luftigkeit für die obligate Dekoration mit Blumenschmuck missbraucht. Kitsch pur – und doch ein präziser Hinweis auf die Funktionen des Hauses, das 1957 als Geschenk der USA an West-Berlin ging. Als Kongresshalle zur Pflege des freien Wortes und damit auch zur Entfaltung eines politischen Bewusstseins. Wie sehr dies vom jeweiligen geistigen Nährboden abhängt und schließlich auseinanderdriften kann, markieren die Orchideen am Eingang.

„Between Walls and Windows“ leistet sich eine Introspektion. Hausherr Bernd M. Scherer erinnerte zur Eröffnung der Ausstellung noch einmal daran, dass „Architektur Ideen verkörpert“. Sie sollen herausgeschält werden, von Eran Schaerf und Terence Gower oder Marko Sancanin und Angela Ferreira. Die Künstlerin, 1958 in Mosambik geboren, kontrastiert in einer wunderbaren Installation Filmmaterial vom Einsturz der Kongresshalle 1980 mit dem Abriss eines Hotels in Mosambik, das in den postkolonialen Siebzigern zum politischen Zankapfel wurde.

Manches im HKW muss man überhaupt erst sichtbar machen. So wie das Raumprogramm, das kleine Räume zum Dialog ebenso anbietet wie theatral inszenierte Säle. Inigo Manglano-Ovalle nimmt sich Differenzen von Partizipation und auktorialem Erzählen vor und stellt sie infrage, wenn er auf der Bühne des Auditoriums ein Mikrofon installiert, in das jeder Besucher sprechen kann. Dessen Sätze werden sofort von einem Internetarchiv geschluckt und von dort anonym zugänglich gemacht.

Etwas Ähnliches verfolgt Schaerf, der in die sonst nicht zugänglichen Kabinen der Dolmetscher im Hauptkonferenzraum lädt. Hier konfrontiert einen der 1962 in Tel Aviv geborene Künstler mit seinem über Jahre angewachsenen Audioarchiv, das Fetzen aus Reportagen mit nüchternen Nachrichten und Hörstücken mischt. Ein Pool der Missverständnisse, denn natürlich denkt man in den Kabinen sofort an die Untertöne, die Dolmetschern etwa in elementaren politischen Verhandlungen nicht entgehen dürfen.

Solche Interventionen sind fast zu erwarten, wenn es um die Dekonstruktion architektonischer Programme geht. Weit mehr überraschen Ansätze wie von Supersudaca, einem globalen Thinktank für Stadtforschung und Architektur, dessen Arbeit „You Rate it! Neither poor, nor standard!“ im Foyer nistet, obwohl sie mit dem Haus erst einmal nichts zu tun hat.

An den Haken der Garderobe hängen Blusen in den Farben aller Länderfahnen. Auf kleinen Bildschirmen sieht man eine Modenschau, während derer die Models in ihren Fähnchen benotet werden. Und zwar mit exakt jenen Werten, die die Ranking-Agenturen aktuell an das jeweilige Land vergeben. Parallel konfrontieren Bildtafeln Staaten miteinander, die sich kaum miteinander vergleichen lassen: Aidsraten, Bruttoszialprodukt oder Exporte divergieren so augenscheinlich, dass man sich fragt, weshalb die Agenturen beide Male Bestnoten vergeben. Überzeugender sind jene Beiträge, die das Gebäude symbolisch lesen und keine unmittelbaren Eingriffe vornehmen. „19 hours at the kiosk“ zum Beispiel, das die Dachterrasse zu einem informellen Versammlungsort machen will.

Den Kiosk dort haben die Architekten von Studio Miessen mit Latex und Glitzerfolie verkleidet. Ein Ort der Travestie mit Lesungen, Konzerten und Filmen, an dem man keine Minute lang ausblenden kann, in welchem Verhältnis die kulturelle Produktion zur Staatsräson steht: Zwischen dem Reichstag und dem Kanzleramt, die sich wie Tanker ins Blickfeld schieben, kurvt das kleine Miessen-Rettungsboot.

Optisch spektakulärer ist die zweite Installation unter freiem Himmel: ein Pavillon von Amateur Architecture Studio, hinter dem sich der diesjährige Pritzker-Preisträger Wang Shu und seine Frau Lu Wenyu verbergen. Ihre begehbare Skulptur fügt sich aus einer Holzkonstruktion und alten Tonziegeln zusammen, die in Chinas Megacities keinen Platz mehr finden. Nun schmiegt sich der rohe, offene Pavillon wie eine parasitäre Struktur an das 50er-Jahre-Haus. Die Kongresshalle verträgt auch das – wohl weil sie selbst mehr auf die Kräfte der Architektur als auf ideologische Erziehung baut.

Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10. Bis 30.9., So–Fr 10–19 Uhr, Sa 10–22 Uhr. Eintritt frei

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