Kultur : Im Interview: JOACHIM KRóL

HANS-JOST WEYANDT

JOACHIM KRóL ist seit Detlef Bucks Film "Wir können auch anders" (1992), spätestens aber seit Sönke Wortmanns "Bewegtem Mann" (1994), einem Millionenpublikum bekannt.Der 41jährige zählt zu den zugkräftigsten Darstellern im deutschen Kino.In Peter Lichtefelds Debütfilm "Zugvögel" spielt er die Hauptrolle.

TAGESSPIEGEL: Herr Król, Sie sind durch Komödien populär geworden und kommen aus einer Stadt, die in den großen Zeiten der bundesdeutschen TV-Unterhaltung für Dauerfrohsinn sorgte.Wenn Deutsche über ihre Provinzialität lachen wollten, mußte Wanne-Eickel dran glauben.

KRóL: Das kann ich gleich mal korrigieren.Wanne-Eickel klingt natürlich gut und hat es vielleicht deswegen in irgendeiner Pressenotiz zu meinem Geburtsort gebracht.Aber ich komme aus Herne.Was nun Frohsinn und Heiterkeit betrifft - da nehmen sich beide Städte nichts mehr.Das ist nämlich alles viel zu traurig dort, Depression pur von Duisburg bis Dortmund.Stadtteile mit 25 Prozent Arbeitslosigkeit, da kann man Angst bekommen.Allenfalls die größeren Kommunen haben den sogenannten "Strukturwandel" halbwegs gepackt, Essen als Verwaltungsstadt und Dortmund ...

TAGESSPIEGEL: ...unter anderem als Stadt des Bieres, was Hannes, den Sie nun in "Zugvögel" spielen, einen Job als Bierfahrer beschert hat.

KRóL: Und für den es heißt, wenn er Urlaub nehmen will: Entweder arbeiten oder gehen, also Papiere holen gehen.Gut, Ohnmacht am Arbeitsplatz ist nicht so ganz das Thema des Films.Da geht es ja um Kleinigkeiten wie die große Liebe und letzte Ziele.

TAGESSPIEGEL: Themen, von denen im deutschen Film selten behauptet wird, daß ein Mann wie Hannes sie wälzt, während er Fässer rollt.

KRóL: Ja, der Hannes wüßte wahrscheinlich keine Antwort, wenn man ihn fragte, was ihm denn so fehlt im Leben.Er hat seine Biographie, seinen Job, seinen Kumpel und eine kleine verrückte Leidenschaft, die Kursbücher.Das reicht ihm, es ist wohl nicht seine Stärke, seine Wünsche und Ziele zu erkennen.Und wenn Peter Lichtefeld meint, dem Hannes fehlt eine Frau, und nur am Ende der Welt kann er sie finden, so kennt er zum einen Hannes besser als der sich selbst, denn er ist sein Erfinder, und weiß zum anderen als Erzähler, daß eine Metapher im Kino auch mal groß sein muß.Hannes wäre natürlich ohne jedes Bedauern auch nach Gelsenkirchen gefahren.

TAGESSPIEGEL: Das Engagement namhafter Schauspieler für Debütfilme fällt derzeit auf.Was reizt Sie daran?

KRóL: Ich sehe darin eine Investition, die sich zum Beispiel bei Tom Tykwers "Tödliche Maria" (1993) inzwischen schon rentiert hat.Ich habe einen wunderbaren Mann kennengelernt, Tom Tykwer ist eine ganz eigene Marke.Wir bereiten ein großes Ding vor.Und so werde ich auch Peter Lichtefeld weiter im Auge behalten.Mir ist klar gewesen, daß er mir nicht eine Geschichte offerierte mit dem Versprechen, ich könnte mich jetzt auf eine völlig neue Weise präsentieren - zumal ich ihm für seinen Film bereits vor fünf Jahren zugesagt hatte.

TAGESSPIEGEL: Seitdem sind Ihre liebenswert-anrührenden Figuren zu einer Art Knuddel-Król verschmolzen.Stört Sie Ihr Rollenimage?

KRóL: Nein, aber ich werde gemeinsam mit Tom Tykwer versuchen, diesen Sympathiebonus zu stressen, und es wird reizvoll sein auszuprobieren, wie weit wir dabei gehen können.Mein Publikum unterscheidet sich deutlich, auch regional.Gestern gab es zum Beispiel beim FC St.Pauli am Millerntor wieder ein großes Hallo mit Mitgliedern der "Wir können auch anders"-Fraktion, die in Norddeutschland stark ist.Diese Leute kritisieren natürlich den "Bewegten Mann" heftig, den andere für den besten Film von Sönke Wortmann halten, was nicht zuletzt auf mein Konto ginge.Und da unten in München, wo sie sich selbst als Filmstoff wahrnehmen, gibt es den "Rossini"-Fanclub.

TAGESSPIEGEL: Ihre Figur in "Rossini" gilt als ironisches Selbstporträt von Patrick Süskind.Haben Sie eigentlich Charakterstudien betreiben können?

KRóL: Bedingt, denn Patrick vermag, was nur ganz wenige können: sich unsichtbar machen.Der könnte hier im Raum sitzen, und wir merken das nicht.Da kann ich noch von lernen: ein faszinierender, blitzgescheiter Mann.Leider haben wir uns nur zweimal getroffen, aber die Idee, mich zu besetzen, hat er entschieden mitgetragen.

TAGESSPIEGEL: Sie haben den Kommissar Matthäi in der Neuverfilmung von "Es geschah am hellichten Tag" gespielt.Wie stehen Sie zu den Vergleichen mit Heinz Rühmann?

KRóL: Bernd Eichinger hat mir vier Rühmann-Filme angeboten, ich sollte der remakete Rühmann werden.Diese Idee war natürlich abseitig.Ich fand den Rühmann schon als Kind nicht sympathisch.Rühmann steht für eine andere Epoche, für Tugenden und Qualitäten, die nicht mehr gelten.Aber entscheidend ist das Gefühl von Kälte, und das ist bei Rühmann bestimmend.Ich mag ihn nicht.Ganz anders Chaplin, der mir als kleiner Junge unheimlich war.Doch wenn ich seine Filme heute sehe, weiß ich, daß dieser gigantische Künstler seine Filme, die voller Tragik sind und sentimentaler Schwere, bestimmt nicht für Kinder gemacht hat. TAGESSPIEGEL: Sie spielen nach wie vor Theater - zuletzt wieder in Bochum.

KRóL: Ja, da hat sich ein Kreis geschlossen.Ich habe unter Dimiter Gotscheff in "Amphitryon" gespielt.Diese Arbeit war mir sehr wichtig.Ich wollte wissen, ob ich es noch kann.Denn natürlich ist auch für mich der Weg zur kleinen Form der kürzere.Um so wichtiger war es zu überprüfen, ob ich die große noch beherrsche.

TAGESSPIEGEL: Gotscheff und Sönke Wortmann - ist das so verschieden wie "Gelsenkirchen" und das "Ende der Welt"?

KRóL: Ich kannte bereits Inszenierungen von Gotscheff, mit Samuel Fintzi, der ein großartiger Schauspieler ist; den schmerzensreichen Prozeß ihrer Entstehung habe ich aber unterschätzt.Wie dieser Regisseur dir seine Zerrissenheit auf die Schultern packen kann: ungeheuerlich.Du hast eine Szene fünfmal geprobt und fängst immer wieder von vorn an.So etwas kann ich nur eine bestimmte Weile ertragen.

TAGESSPIEGEL: In Bochum hat vor einiger Zeit auch Detlef Buck inszeniert.Planen Sie eine neue Zusammenarbeit?

KRóL: Ich bin gespannt, was er demnächst machen wird."Männerpension" hat mich enttäuscht, da kenne ich meinen Detlef Buck anders.Ich weiß auch, daß er selbst seine Schlüsse gezogen hat.Ich will ihn wiederhaben.Mich interessiert immer noch diese Kunstfigur des Kipp, für die eine eigene Art des Gehens und Sprechens entwickelt wurde.Vielleicht taucht Kipp ja mal wieder auf, der kann nämlich aus jeder Tür kommen.

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