Kultur : Im Jahr der Schmerzensfrauen

HARALD MARTENSTEIN

Sie entkommt ihrer ehrgeizigen, tyrannischen Mutter und ihrem Stiefvater, der sie als Kind mißbraucht hat.Sie wird nicht das Geschöpf ihrer Eltern, sondern ihr eigenes.Sie wird reich und berühmt, kann tun, was sie möchte, lebt ihre Talente aus.Beim Aufbau ihrer Karriere beweist sie eine sichere Hand.Sie verramscht sich nicht an den Meistbietenden, sondern erweitert Schritt für Schritt ihr Können und ihre Möglichkeiten.Es gelingt dieser Frau, Erfolg im Beruf zu haben, Mutter zu sein und Liebhaberin.Sie tut schließlich genau das, was im Klischee die erfolgreichen Männer tun: sie nimmt sich einen viel jüngeren, schönen, mäßig intelligenten Geliebten, ihren Sekretär, und hält ihn aus.Sie genießt ihr Leben und ist meistens fröhlich.Manchmal trinkt sie zuviel.Manchmal holen die alten Dämonen sie ein, sie bekommt dann Depressionen.Aber meistens fühlt sie sich glücklich, denn sie ist trotz ihrer Selbstzweifel ziemlich stark, und besser hätte ihr Leben nicht laufen können.

Eine Frau befreit sich aus dem Gefängnis ihrer Kindheit.Auch so könnte man also die Geschichte der Romy Schneider erzählen.Aber es hat sich bekanntlich eine andere Sichtweise durchgesetzt, die tragische.Romy Schneider, die heute sechzig Jahre alt geworden wäre, ist die dritte große Schmerzensfrau des Jahres, nach Diana und Sissi.Und vor allem in einem Punkt müßte unsere allzu optimistische Lebensbeschreibung ergänzt werden.Romy Schneider widerfährt das größtmögliche Unglück, der Verlust eines Kindes.Der Tod ihres Sohnes David bringt sie auf eine abschüssige Bahn, und Romy stirbt bald darauf.

Daniel Biasini, der Sekretär und zweite Ehemann, hat vor einigen Monaten ein Buch über Romy geschrieben.Es handelt sich um eine Selbstrechtfertigung.Biasini wehrt sich gegen den Vorwurf, Romy ausgebeutet zu haben.Aber hat er etwa nicht von ihrem Geld gelebt? Und ist das etwa nicht normal, daß nämlich bei einem Paar die eine Person mehr Geld hat und die andere weniger? Würde eine junge Ehefrau Picassos oder Chaplins in diesem defensiven Ton schreiben? Es ist nicht normal, sofern die reiche Person eine Frau ist.An der Schauspielerin Romy Schneider, die das dumme Filmland Deutschland hochmütig verläßt und sich in Frankreich zu glutäugigen welschen Jünglingen ins Bett legt, haben sich im Deutschland der vergangenen Jahrzehnte die Bestrafungsphantasien entzündet.Sie hat gekriegt, was sie verdient hat! Biasinis Buch ist insofern bemerkenswert, als er mit einiger Überzeugungskraft darauf beharrt, daß Romy kein unglücklicher Mensch gewesen ist, bis zum Tod ihres Sohnes jedenfalls.Sie war labil, das stimmt, und ihre Stimmungen schwankten, aber sie liebte das Leben.Die tragische Romy, diese halbe Wahrheit, ist eine kollektive Wunschvorstellung.

Sie sind weich, verletzlich und traurig, die Königinnen des Schmerzes.Wunderschön, betrogen und leidend.Sie heißen Romy Schneider, Diana Spencer, Marilyn Monroe und Jackie Kennedy.Oder, weit zurück in der Antike, Medea, Phaedra, Desdemona.Das Bild, das wir uns von ihnen machen - egal, ob wir Männer oder Frauen sind -, hat mehr mit unseren eigenen Bedürfnissen zu tun als mit der Realität.Die britische Autorin Joan Smith erzählt in ihrem Buch Femmes totales - Untertitel: Wie Bilder von Frauen entstehen, erschienen im Verlag Rütten & Loening - ein nahezu unbekanntes Detail über die Ermordung des Präsidenten John F.Kennedy.Nachdem in Dallas die tödlichen Schüsse gefallen sind, versucht Jackie zu fliehen.Sie klettert aus dem Auto heraus, in dem ihr sterbender Ehemann liegt, um sich in Sicherheit zu bringen.Ein Leibwächter stößt sie unsanft ins Auto zurück.

An Jackies panischer Reaktion gibt es nichts zu kritisieren.Was sie tat, war menschlich.Gerade deshalb hat das kollektive Gedächtnis sich geweigert, dieses Detail zur Kenntnis zu nehmen.Der Mythos ist auch hier stärker als die Wirklichkeit.Jackie Kennedy wurde zur weltlichen Heiligen.Andy Warhol malte ein Jackie-Triptychon, und um ihre Hinterlassenschaft rankt sich bis heute ein lebhafter Reliquienhandel.

Die Phantasiefrauen dürfen nicht glücklich sein.Schön, jung und traurig, nur so sind sie perfekt.Sterben sie erst im vorgerückten Alter, wie Sissi oder Jackie, dann blendet unser Bewußtsein diese Tatsache gerne aus.Wenn sie Kinder haben, dann gleicht dieses Mutterbild der Mater Dolorosa, der Jungfrau Maria, die den toten Jesus beweint.Maria, die Unberührte, ist unserem Kulturkreis Phantasiefrau Nummer eins.Die vorerst jüngste Variante der Phantasiefrau ist die erfolgreiche Verführerin, deren Sexualität im neueren Hollywoodfilm mit dem Tode bestraft wird: Glenn Close in "Fatal Attraction".

Eine Bestrafungsphantasie, geboren aus der männlichen Angst vor der weiblichen Sexualität: so lautet eine gängige Erklärung des Phänomens Schmerzensfrau.Aber das allein kann es nicht sein.In diesem Bild vermischen sich mehrere Motive.Die meisten Schmerzensfrauen werden verehrt, von den Frauen ebenso wie von den Männern.Im Medienbild der Romy Schneider spiegelt sich nicht nur ein Wunsch nach Bestrafung, sondern ebenso die Hoffnung auf Erlösung.Romy, die Unverstandene, die Leidende, die Ausgebeutete, wartet auf einen Erlöser.Es ist attraktiv, sich in diese Beschützerrolle hineinzuhalluzinieren.Sie ist das Burgfräulein.Wir sind ihre Ritter.

Eine neue Generation weiblicher Stars scheint für diese Rolle weniger geeignet zu sein.Sharon Stone oder Madonna können einen Karriereknick erleiden, Kinder kriegen oder von Liebhabern verlassen werden, sie stecken das selbstbewußt weg.Sie stellen die alten Posen nach, aber sie verweigern sich der Tragödie.Deshalb mobilisieren sie negative Gefühle wie Neid, Spott und Mißgunst.Ein weiblicher Star, eine Frau, die reich und berühmt ist, die ihre Talente auslebt, die Beruf und Liebe und Kinder unter einen Hut bekommt, muß dabei schon sehr, sehr unglücklich werden, wenn sie trotzdem geliebt werden will.

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