Im Kino: "Café Belgica" : Ausgehen, Trinken, Exzess

Vom Aufstieg und Niedergang eines Clubs: „Café Belgica“ von Felix van Groeningen zeigt zutiefst menschliche Figuren und den Verlust der Illusionen.

Julia Dettke
Jo (Stef Aerts), Frank (Tom Vermeir) und Davy Coppens (Boris van Severen)
Jo (Stef Aerts), Frank (Tom Vermeir) und Davy Coppens (Boris van Severen)Foto: Pandorafilm

Früher, so heißt es, durfte man im Kino noch rauchen. Trinken ist immer noch erlaubt, doch selten sieht man dort jemanden, der sich tatsächlich betrinkt. Das Kino ist ja eh ein Ort des Rauschs. Nach einem guten Film ist man wie trunken.

Nach „Café Belgica“ erst recht: Der Film von Felix van Groeningen („The Broken Circle Breakdown“) ist nicht nur exzellent, mitreißend, atemberaubend, sondern nachher ist einem so schön schwindlig wie nach einer guten Nacht in einem Club. Und: Er erzählt selber vom Ausgehen, vom Trinken, vom Exzess.

Die Brüder Jo (Stef Aerts) und Frank (Tom Vermeir) eröffnen in Gent gemeinsam eine Bar. Ihr Café Belgica wird durch Jos Kontakte in die Musikszene und Franks Charisma bald zu einem extrem beliebten Undergroundclub: Jeden Abend ist es voll mit Leuten aus dem Freundeskreis und aus der Nachbarschaft, es gibt Livemusik, Elektro, Rock, arabische Musik. Jeder ist willkommen, alle dürfen mitbestimmen, so lautet das Konzept. Außerdem: Keine Türsteher vor ihrer „Arche Noah“, einem nahezu idealen Ort. Arbeiten und Ausgehen werden eins.

Mit dem wachsenden Erfolg heißt es: Umsatz statt Utopie

Auf Dauer allerdings ist das nicht unbedingt gut für die Gesundheit. Erst recht, wenn man wie Jo und Frank einen Vater hat, der Alkoholiker ist, eine familiäre Vorprägung aus Sucht und Gewalt. Es ist Frank, der Ältere, der zuerst die Kontrolle verliert, immer mehr trinkt, kaum noch nach Hause geht zu seiner Frau und seinem kleinen Sohn – und aggressiv wird und sogar gewalttätig, wie es der Vater war. Es kommt zum Streit, und, so scheint es eine Weile, zum Bruch zwischen den Brüdern.

Gleichzeitig treibt der wachsende Erfolg des Clubs die lockere Geschäftspolitik der beiden an ihre Grenzen. Beschwerden über unangenehme Gäste nehmen zu, und nun wird doch Sicherheitspersonal eingestellt. Und schon muss mancher Stammgast, dessen Kleidungsstil oder Hautfarbe nicht ganz dem hippen Mainstream entspricht, draußen bleiben. Die Preise werden erhöht, und das Personal füllt laut neuer Vorschrift mehr Eis und weniger Schnaps in die Gläser. Umsatz statt Utopie.

Der Film wirkt persönlich, dringlich und ehrlich

„Café Belgica“ erzählt vom Ausgehen – und von viel mehr, von Familie, von Liebe, von Idealismus und Hedonismus. Und vom Verlust der Illusionen: Das schmerzt so sehr, wie einen zunächst die Euphorie mitreißt. Wünscht sich nicht jeder einen so freundlichen, offenen Ort, in dem Zuhause und Abenteuerwelt ineinander übergehen? Doch der Club geht an eben jenen Verhaltensweisen kaputt, die ihn erst möglich gemacht haben: Leidenschaft, Menschlichkeit, Unbeherrschtheit und Fehlbarkeit.

Diese Ambivalenzen bestehen zu lassen, das ist, neben der rauschhaften Stimmung, das große Verdienst dieses Films. Er schildert die Freuden und die Gefahren des Exzesses gleichermaßen – und dass es hier niemals moralisierend, nie zeigefingerhaft zugeht, ist sowieso klar.

Der Regisseur hat das Café Belgica einem Ort seiner Kindheit nachempfunden – dem Café Charlatan in Gent, das seinem Vater gehörte. Vielleicht wirkt der Film deshalb so persönlich, so dringlich und ehrlich. Vielleicht verzichtet er deshalb auf jede Verurteilung und will vor allem zeigen und verstehen. In mitreißenden Szenen, die lange im Gedächtnis bleiben: die Musik, die leuchtenden Augen, das Gefühl, dass alles passieren kann.

Vielleicht sollte man sich nach diesem Film selbst betrinken. Oder vernünftiger: auf diesen Film trinken. Besser aber, als den zutiefst menschlichen Figuren in „Café Belgica“ dabei zuzusehen, kann das ohnehin kaum sein.

Filmkunst 66, Kulturbrauerei; OmU im b-ware!, Bundesplatz, Central, Rollberg und Moviemento

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