Im Kino: "Der Schamane und die Schlange" : Gedankenabenteuer im Regenwald

„Der Schamane und die Schlange“ von Ciro Guerra erzählt von zwei Expeditionen ins kolumbianische Quellgebiet des Amazonas - in betörendem Schwarzweiß.

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Der Forscher Theo (Jan Bijvoet) nimmt die Heilkünste von Karakamate (Nilbio Torres) in Anspruch.
Schwer verschnupft. Der Forscher Theo (Jan Bijvoet) nimmt die Heilkünste von Karamakate (Nilbio Torres) in Anspruch.Foto: mfa

Was ist ein Chullachaqui? Im Internet finden sich dazu ein paar oberklare Deutungen: ein missgestalteter Zwerg, ein Zauberer, ein Teufelchen im Regenwald, das die Menschen täuscht, narrt und verhext. Noch Fragen? Keine Fragen.

In Ciro Guerras wunderbar ungewöhnlichem Film „Der Schamane und die Schlange“ geistert das Chullachaqui eher als ein Gedanke, als eine Metapher durchs Geschehen. Jeder Mensch hat ein solches Chullachaqui, ein leeres, hohles Parallelwesen, das ohne Erinnerung durch die Welt irrt. Mancher wechselt im Laufe seines Lebens in dieses Wesen ohne Gedächtnis hinüber und spürt den Verlust. Ebenso aber kann man zurück: eine Art Glück.

Entgrenzung, auch Verdoppelung auf vielen Ebenen, ist das Leitmotiv dieses Films, der von zwei Expeditionen ins kolumbianische Quellgebiet des Amazonas erzählt – und, verbunden durch minimalistische und fein musikalisch untermalte Übergangsszenen, wechselt er einige Male zwischen beiden gemächlich hin und her. Anfang des 20. Jahrhunderts erkundet der deutsche Anthropologe Theo (gespielt von dem aus „Borgman“ bekannten flämischen Darsteller Jan Bijvoet) die Welt der Eingeborenen im Regenwald. Und 40 Jahre später macht der amerikanische Botaniker Evan die gleiche Reise flussaufwärts, auf Theos Spuren. Beide sind auf der Suche nach der mythischen Heilpflanze Yakruma und werden dabei geführt von dem Indio Karamakate (als junger Mann: Nilbio Torres; als alter: Antonio Bolivar Salvador).

Stets achtet der kolumbianische Regisseur, der mit diesem Film ausdrücklich nach den verschütteten Wurzeln seines Landes sucht, auf beide Perspektiven – hier der prächtig mit Ketten behängte Indigene im Lendenschurz, dort die Forscher; hier der stolze Vertreter seiner Kultur, dort die Fremden, die ihren friedlichen Erkundungsehrgeiz und ihre Weltsicht verteidigen. Und immer ist, inspirierend, das Chullachaqui zur Stelle: Zeitweise erobert es den alten gegenüber dem jungen Karamakate und nimmt ihm fast die vertraute Orientierung am Fluss, und auch Evan erscheint manchmal eher als der Schatten Theos, ein Wiedergänger in dem, was Karamakate die „Zeit ohne Zeit“ nennt.

Elegant gleitet das River-Movie dahin

Geraunt allerdings wird kaum in diesem elegant dahingleitenden River-Movie, das an Kautschukplantagen und Missionsstationen Station macht, die von der Grausamkeit der weißen Herren künden. Vielmehr wird oft so klug wie köstlich gestritten, etwa wenn Karamakate den Diebstahl von Theos Kompass rechtfertigt – „Das Wissen gehört allen“ – und andererseits Theo auf seinem im schmalen Einbaum verstauten Gepäck besteht, das Karamakate bloß für Ballast hält. Erhellend auch die Szene, als Theo seinem bereits westlich gekleideten und diskret aus beiden kulturellen Welten lernenden Indio-Diener Manduca (Miguel Dionisio Ramos) zarte Briefe an seine Frau in der fernen deutschen Heimat diktiert. Über so etwas kann Karamakate nur lachen: „Warum Gefühle ausdrücken an einen Menschen, der fern ist?“

Überhaupt fehlt diesem Film jegliche selbst im Scheitern der weißen Helden letztlich paternalistische Perspektive, wie sie etwa Werner Herzogs „Aguirre“ und „Fitzcarraldo“ kennzeichnete – und wie sie sich unlängst im sanften Blick von Peter Krügers eindrucksvollem Schwarzafrika-Essay „N: Der Wahn der Vernunft“ wiederfand. Vielmehr setzt er auf eine doppelte Innensicht – und ähnelt dabei eher den filmischen Erschließungsarbeiten eines Jayro Bustamante („Ixcanul“) oder auch Apichatpong Weerasethakul („Onkel Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“).

Dabei entstammt das Ursprungsmaterial von „Der Schamane und die Schlange“ durchaus den überlieferten Zeugnissen weißer Wissenschaftler: Theodor Koch-Grünberg war um die dreißig, als er zwei Jahre lang in den kolumbianischen Regenwald reiste und darüber zwei Bücher schrieb. Und Richard Evans Schultes hat es mit seinen Forschungsarbeiten sogar zu einem offiziellen botanischen Autorenkürzel gebracht. So vieles, das man, angestachelt durch dieses zweistündige Besichtigungsabenteuer, nebenbei lernen kann.

Oder auch erträumen, im Blick auf den Drehort: Die Provinz Vaupés im Osten Kolumbiens, so groß wie Niedersachsen und mit der Bevölkerungsdichte einer Kleinststadt, ist auf Google Maps ein einziges tiefes Grün – von jener Farbe, die der Regisseur in winzigen Spurenelementen in das Schwarz-Weiß seines Films gemischt zu haben scheint. Wer sich dort hinunterzoomt von der mäanderflussdurchzogenen Struktur bis in die Baumwipfel, verliert sich in etwas Unendlichem – und sieht dabei vielleicht, Sekundenspuk, sein eigenes Chullachaqui.

Babylon Kreuzberg, Cinema Paris, FaF und Kant (alle OmU)

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