Im Kino: "Die getäuschte Frau" : Schmerz und Quelle

Rätsel eines Lebenstraumas: „Die getäuschte Frau“ von Sacha Polak, ein One-Woman-Trip mit Wende Snijders, ein starker, stiller Film aus den Niederlanden.

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Halt mich. Nina (Wende Snijders) lässt sich auf Raststätten mit wildfremden Männern ein. Foto: Zorrofilm
Halt mich. Nina (Wende Snijders) lässt sich auf Raststätten mit wildfremden Männern ein.Foto: Zorrofilm

Der Gepard ist schuld. Das Raubtier sitzt auf der verlassenen Straße, elegant und erhaben, und hat höchstwahrscheinlich den Autounfall verursacht, mit dem „Die getäuschte Frau“ beginnt. Wie ist das nur passiert?

Der – nach „Hemel“ – zweite Film der jungen Niederländerin Sacha Polak erzählt von Nina, die auf den Autobahnen herumirrt. „Die getäuschte Frau“ (Originaltitel: „Zurich“ – nach einem Dorf dicht am Ijsselmeer-Deich) erzählt die Geschichte falsch herum: Die Story beginnt mit „Teil 2“, und wirft einen mitten ins Geschehen. Nina, die eben noch traumatisiert neben dem Unfallauto stand, stolpert aus einem LKW-Führerhäuschen, kotzt in die Rabatten, sucht die Nähe von fremden Lastwagenfahrern an einer Autobahnraststätte, ziellos ist sie unterwegs auf einem One-Woman-Roadtrip.

Sacha Polak hat ihr verrätseltes Roadmovie exakt durchkomponiert

Mit Nina muss etwas passiert sein – was es ist, deutet Polak zart an. Nina lernt einen deutschen Fahrer kennen, die Bilder und ihre Beziehung werden vorsichtig intimer, und langsam schält sich ein Drama heraus: Nina scheint irgendwann früher ihren Freund verloren zu haben. Irgendwo muss es gar ein Kind geben. Aber wer ist die andere Frau mit den beiden Söhnen?

Die Struktur, die Sacha Polak ihrem auf der Berlinale uraufgeführten, scheinbar verrätselten Roadmovie gibt, ist exakt durchkomponiert. Wie die Handlung sich chronologisch rückwärts entwickelt und erst Stückchen für Stückchen mit der Backstory angefüttert wird, spiegelt sich als Konzept in jeder Szene, in jedem Bild: Polak zeigt konsequent zunächst das Detail und dann die Totale. Wenn die Kamera etwa Ninas träumerisches Gesicht in einer Großaufnahme zeigt und sich etwas vor ihrem Kopf bewegt, wird erst danach klar, dass sie im Schoß des LKW-Fahrers liegt und sein Lenkrad die Bewegung verursacht.

Das letzte und informationsreichste Bild dieser Sequenz ist der Lastwagen selbst, der in der Totalen über eine Landstraße rollt. Die Hauptdarstellerin Wende Snijders, die in den Niederlanden als Sängerin bekannt ist (und im Film kurz ihr stimmliches Talent zeigt, als sie auf der Bühne einer Autobahnkaschemme eine unheimlichem Version von „These boots are made for walking“ präsentiert), spielt ihre wortarme Rolle mit abgründiger Tiefe. Dieser Figur ist alles zuzutrauen. Sowohl Snijders’ Darstellungsstärke als auch die Strenge der Komposition faszinieren – und lassen die Handlung zugunsten der Form in den Hintergrund treten.

In der zweiten Hälfte schiebt Polak die Erzählperspektive zuweilen einer neuen Figur zu: einem halbwüchsigen Sohn von Ninas Freund, den er mit einer anderen Frau hatte. Langsam wird klar, woher Ninas Verwirrung und folglich auch das Verwirrspiel der Erzählung stammt. Ninas Freund hatte ein zweites, geheimes Ehe- und Familienleben. Ninas Trauma wird somit greifbarer und verständlicher – vollständig erklärt wird es nicht. Wer sich nach einem klassischen handlungsgetriebenen Thriller sehnt, ist hier ohnehin falsch. Die radikale Regisseurin Polak ist definitiv nicht jemand, der sein Publikum unterfordert.

Filmkunst 66, fsk am Oranienplatz und Hackesche Höfe (alle OmU)

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