Im Kino: Doku "Life, animated" : Mit Disney zur Sprache finden

Owen Suskind ist Autist und beseelt von Arielle, Aladin und Co. Er macht sich seinen Reim auf die Welt durch Animationsfilme. Die preisgekrönte Doku „Life, animated“ erzählt seine Geschichte.

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Beseelt von Trickfilmen. Autist Owen Suskind beim Zeichnen.
Beseelt von Trickfilmen. Autist Owen Suskind beim Zeichnen.Foto: Life Anim. Doc. Prod.

Jahrelanges Schweigen und dann dieser Satz: „Walter möchte nicht erwachsen werden – genauso wie Mogli und Peter Pan“. Die Eltern sind wie vom Donner gerührt, als ihr kleiner Sohn Owen am neunten Geburtstag seines älteren Bruders dessen plötzliche Traurigkeit erklärt. Die von seinen Disney-Filmhelden wie vom geliebten Bruder gefühlte Angst vor der Vertreibung aus dem Kindheitsparadies, sie hat Owen Suskind, den im Alter von drei Jahren verstummten Autisten, wieder zum Reden gebracht.

Roger Ross Williams’ auf dem Sundance Festival mit dem Regiepreis ausgezeichnete Dokumentation „Life, animated“ erzählt eine Geschichte wie aus einem Disney-Film: zwei Brüder, die zusammenhalten wie Pech und Schwefel. Eine Mutter und ein Vater, die wie die Löwen für ihr Kind kämpfen. Ein Junge, der sich in mit Fantasiegestalten bevölkerten Traumwelten verliert. Ein Happyend wider alle Wahrscheinlichkeit. Obwohl – eine Disney-Geschichte kann es doch nicht sein. In den märchenhaften Animationen des amerikanischen Unterhaltungskonzerns spielen bis auf Quasimodo, den buckeligen Glöckner von Notre Dame, ja keine behinderten Helden mit. Die brächten viel zu viel Realismus in das heile Universum.

Das hindert Owen Suskind und seine gehandicapten Freunde aus dem von ihm geleiteten Filmclub jedoch nicht daran, sich mit Arielle, Aladin, Dumbo oder Bambi zu identifizieren. Ja, Disneys Sentiment, die Beschwörung des Gemeinschaftsideals und das tipptopp aufgeräumte Weltbild mit einer klaren moralischen Unterteilung in gute und böse Charaktere, bietet sich dafür geradezu an. Ob im Disney-Club oder zu Hause in seinem mit Plakaten und Kassetten voll gestopften Zimmer: Der 23 Jahre alte Owen, der gerade die Schule abschließt, eine eigene (betreute) Wohnung bezieht und den ersten Liebeskummer erleidet, hängt gebannt an den Lippen der Filmfiguren, lacht selig über ihre Witze und ficht ihre Schwertkämpfe mit. Er kann jeden Disney-Dialog auswendig. Das stellen die verzweifelten Eltern aber erst nach Jahren vergeblicher Kontaktbemühungen mit ihrem stummen Kind fest. Und mehr noch – indem er in Disney-Sätzen spricht, dechiffriert er die vorher für ihn undurchschaubare Welt. Spracherwerb per Disney, Weltdeutung durch die Filmbildsprache – sowas funktioniert nur in Amerika und wird hier ungemein amerikanisch erzählt: Fröhlich, sentimental und die heilende Kraft der Familie feiernd – und den Mythos Disney. Logisch, dass die Firma ihre Filmausschnitte für die Doku freigegeben hat, die auf einem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Buch von Vater Ron Suskind, einem Journalisten, beruht.

Gut, dass neben Interviews und Alltagsbeobachtungen noch eine zweite Erzählebene greift, die die Disney-Ästhetik bewusst abstrahiert: Animationen, die in Schwarz-weiß der existenziellen Verlorenheit des isolierten Owen nachspüren. Und die später bunt eingefärbt von den Kreaturen in dem von ihm selbst gezeichneten „Land of the lost Sidekicks“ (Land der verlorenen Nebenfiguren) erzählen, als deren Beschützer er sich begreift. Diese, weit über reines Kopieren hinausgehende Schöpferkraft des Autisten Owen Suskind, verleiht seinem Leben genau jene Poesie, die er im Kino sucht.

Filmkunst 66, Kant Kino, Kulturbrauerei, OmU: Filmkunst 66, Rollberg, Kino Wolf

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