Im Kino: "Ein Haus in Berlin" : Heimat, deine Steine

„Ein Haus in Berlin“: In ihrem Spielfilm erzählt Regisseurin Cynthia Beatt von einem geschichtsträchtigen Erbe in Prenzlauer Berg.

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Die junge Schottin Stella (Susan Vidler) Foto: Cynthia Beatt / Promo
Be Berlin. Die junge Schottin Stella (Susan Vidler) lernt in der Stadt nach und nach die tragische Geschichte ihrer Familie...Foto: Cynthia Beatt / Promo

Man sieht sie immer seltener, diese graubraun verwitterten Häuser aus einer anderen Zeit. Die Stuckfassade zeigt reichlich Wunden, das Erdgeschoss liegt verrammelt da – und Graffiti überdecken, was noch an alten Inschriften auf einstige Ladengeschäfte verweist. Aufgeschobene Sanierung wohl, vermutlich wegen ungeklärter Besitzverhältnisse. Cynthia Beatt hat unter all den pastellfarben herausgeputzten Gentrifizierungsobjekten in Prenzlauer Berg ein imposantes Eckgebäude mit dieser melancholischen Aura gefunden und ihm eine stille Hauptrolle zugedacht – in ihrem elegant erzählten Spielfilm „Ein Haus in Berlin“.

Es geht darin um eine unerwartete Erbschaft, einen Fall von Restitution und dessen dunkle Profiteure, im Kern jedoch um die Konfrontation einer jungen Frau mit den von Flucht und Vertreibung geprägten Geheimnissen ihrer Familie. Minimalistisch in seinen Stilmitteln spannt der quasidokumentarische Film einen weiten Horizont, unter dem sich Stella, eine schottische Universitätsdozentin, unverhofft von ihrem eingefahrenen Leben in Glasgow löst und die Spur ihrer jüdischen Vorfahren in Berlin und Rotterdam aufnimmt. Sie kämpft um den Erhalt des ererbten Hauses und fasst schließlich mit ihrem gewachsenen Bewusstsein einen erstaunlichen Neuanfang ins Auge.

Wohltuender Verzicht auf den Redezwang

Eine Erzählerin, das Alter Ego der Filmemacherin, verknüpft die losen Enden des Dramas um Stellas Selbstfindung und die Zukunft des Hauses zu einer konzisen Geschichte. Die schottische Schauspielerin Susan Vidler kann als Stella im Schutz dieser Stimme mit Understatement agieren. Oft erkundet sie Berlin allein, schaut im Café Fotobücher an, vertieft sich immer mehr in historische Lektüre. Wohltuend verzichtet „Ein Haus in Berlin“ auf den Redezwang, wie er im Mainstreamkino so üblich ist.

Wie wichtig ist ein Haus, eine Wohnung, eine Landschaft für die Identität eines Menschen? Da sind Glasgow am Clyde, seine kompakte Architektur, das gelassene Lebensgefühl; Berlin, das in einer Fülle von fein ausgewählten, fast wie Fotografien ruhenden Aufnahmen als Seelenlandschaft erscheint; schließlich Rotterdam und seine Van-Nelle-Fabrik. Drei Städte, drei Schauplätze, die sich in den letzten Jahrzehnten stark entwickelt haben. Der Film schildert, wie die Geister der Vergangenheit zurückkehren und Stella in eine Krise stürzen, doch die Klarheit und sinnliche Schönheit der Bilder setzen der Beklemmung ein Gefühl von Weite und Offenheit entgegen. Ein Leuchtturm an der irischen Küste im Nebel, die Spree voller schaukelnder Eisschollen – eine rhythmische Melodik entsteht durch solche vom Handlungsverlauf unabhängigen Szenerien, die die eigene Fantasie anregen.

Als Stella erfährt, dass sie das Haus in Berlin von dem ihr unbekannten Großonkel Jakob Milgrim geerbt, dieser aber dem Verkauf für eine zu klein erscheinende Summe zugestimmt hat, fährt sie nach Berlin, um sich selbst ein Bild zu machen. Sie findet heraus, dass der Anwalt des Großonkels mit einem Bauträger kooperiert, der das Haus aufwendig restaurieren und teuer weiterverkaufen will. Sie beauftragt selbst eine Anwältin, kommt dem Betrug auf die Spur und plant mit Hilfe der Freunde Lukas und Simon (Clemens Schick, Peter Knaack), zweier Mieter ihres Hauses, die Sanierung auf eigene Faust. Und sie besucht die Nachlassverwalterin ihres Vorfahren in Rotterdam, wohin ein Teil der Familie geflohen war.

Literatur über die jüdische Welt in Berlin vor 1933 hilft ihr, sich in die Not der Milgrims hineinzuversetzen. Ein Arisierer machte sich in ihrem Stoffgeschäft und ihrer Wohnung breit und nutzte die Zwangslage der alten Eltern schamlos aus. Um die Ausreise zu ihren Söhnen in die Niederlande bezahlen zu können, akzeptierten sie den geringen Preis, wurden jedoch trotzdem deportiert und ermordet. Isi Metzstein, ein in Berlin geborener und in Glasgow lebender Architekt, der als Kind vor den Nazis flüchten musste, verkörpert Jakob, dessen Bedeutung für ihr Leben Stella erst nach ihrem Besuch in Rotterdam deutlich wird.

Cynthia Beatt fragt nach der Bedeutung konkreter Geschichtsorte

Seit mehr als 40 Jahren ist Berlin Lebensmittelpunkt und Filmthema der in Kreuzberg lebenden Cynthia Beatt. In „Tagebuch“, einem Film ihres damaligen Lebensgefährten Rudolf Thome, spielte die in Jamaica und auf den Fidschi-Inseln aufgewachsene Filmemacherin sich selbst: eine Neuberlinerin vom anderen Ende der Welt, die für die paradoxen Freiräume der Mauerstadt offen war. Von ihrer Fabriketage nahe dem Potsdamer Platz konnte sie 1975 weit über die Sperranlagen hinweg in den Ostteil schauen. Einmal prangte sogar eine Liebeserklärung an sie auf dem weiß gestrichenen Mauerbeton, ein Tabubruch, nach dem die subversive Mauerkunst sich wie selbstverständlich auszubreiten begann.

Ähnlich wie in „Ein Haus in Berlin“ fragte Cynthia Beatt auch in ihren zuvor gedrehten Filmen „Cycling the Frame“ und „The Invisible Frame“ nach der Bedeutung konkreter Geschichtsorte. In beiden unternimmt Tilda Swinton eine Radtour entlang der einstigen Mauer und reflektiert nachdenklich über das Verlöschen der Spuren. Seither sind Swinton und Beatt Freundinnen. Der Filmstar hat auch einen Anteil daran, dass „Ein Haus in Berlin“ mithilfe der schottischen Filmförderung überhaupt realisiert werden konnte.

Große Nähe zur Wirklichkeit

Cynthia Beatt hat für den Film 15 Jahre die Praxis der Restitution des von den Nazis geplünderten jüdischen Besitzes in Deutschland recherchiert und sich intensiv mit der Geschichte des Zionismus und des Staates Israel auseinandergesetzt. „Ein Haus sollte nicht Spekulationsobjekt werden, es sollte aber auch nicht aus politischen Gründen zerstört werden“, sagt die Regisseurin und berichtet erfreut, das Publikum bei der Uraufführung auf dem Festival in Rotterdam habe „Ein Haus in Berlin“ für eine Dokumentation gehalten. So groß sei seine Nähe zur Wirklichkeit.

Im Film muss Stella schließlich ihr Erbe loslassen. Ohne Unterstützung der Banken übersteigen die Sanierungskosten ihre Kräfte. Aber da gibt es dieses israelische Komitee, das sich gegen die Zerstörung palästinensischer Häuser durch israelische Sicherheitskräfte wendet. Dort sieht Stella auch für sich eine Zukunft. Cynthia Beatts Sohn Marlon hat für den Schluss des Spielfilms eine kratzig vibrierende Soundcollage geschrieben. Er klingt nach einem sinnstiftenden Engagement in Israel, das Stellas in einem langen kalten Berliner Winter gewonnene neue Identität festigt.

Babylon Mitte: 12. November, 20 Uhr (deutsche Fassung); 13. November, 20 Uhr und 15. 11., 18 Uhr (englische Fassung)

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